Leseprobe

Die Feder von Kylnavern

Prolog

 

Dunkelheit!

Kälte - und hin und wieder das Geräusch von tropfendem Wasser, das die einsame Stille durchbrach!

Wie lange war er schon hier? Er wusste es nicht, und es hatte auch keinerlei Bedeutung.

Es hatte keine Bedeutung, ob er saß oder lag oder womöglich den kleinen Raum seines Gefängnisses mit Schritten durchmaß. Wie oft hatte er mit den Händen die Wände abgetastet, um einen Ausgang zu suchen? Eine winzige Lücke, durch die Luft hinein drang?

Er hatte nichts gefunden, und auch das hatte längst seine Bedeutung verloren.

Also hockte er da und wartete ab. Längst war er sich nicht mehr sicher, ob seine Unsterblichkeit, die ihn davor bewahrte, den Verstand zu verlieren, noch ein Segen oder lediglich ein Fluch war. Ein Fluch, den er sich selbst aufgeladen hatte. Wie so vieles andere.

Heiser lachte er in die Stille und lauschte dem Klang, bis er sich verlor.

Eigentlich hatte sie ihm einen Gefallen getan. Gab es nicht Menschen, die freiwillig die Einsamkeit suchten, um sich von weltlichen Dingen zu lösen? Er lächelte. Das hatte er wohl inzwischen zweifelsohne getan. Er vermisste seltsamerweise weder Essen noch Trinken noch Kleidung oder ein bequemes Bett. Das einzige, was ihm fehlte, war frische Luft; das sanfte Streicheln einer kühlen Brise im Gesicht. Aber tatsächlich brauchte er auch diese nicht. Er hatte sich von allem gelöst, von dem, was er besessen hatte und von dem, was er getan hatte. Er fühlte sich geläutert und damit auf einzigartige Weise frei, so seltsam es auch klang. Vieles würde er jetzt anders machen.

Nachdenklich strich er über das Buch. Unwillkürlich lächelte er. Wenn sie auch nur geahnt hätte, dass er es dabei hatte, als sie ihn hier einsperrte …

Er verspürte keine Wut. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sie sich rächen würde. Und Zeit hatten sie beide mehr als genug gehabt.

Plötzlich erwärmte sich das Buch in seiner Hand. Erstaunt hob er es hoch. Ein schwaches Leuchten drang zwischen den Seiten hervor. War es möglich? Unwillkürlich zitterten seine Hände und sein Herzschlag beschleunigte sich. Dunkelroter Schein glühte um das Buch, riss es aus dem Nichts. Er schluckte aufgeregt und öffnete es vorsichtig, als könnte er das, was dort geschah, mit einer Unachtsamkeit vertreiben. Doch das Glühen blieb, belebte mit sanftem Licht die beschriebenen Seiten, bis er eine neue Seite aufschlug. Das Buch hatte eine neue Seite erhalten!

Voller Unglauben strich er sanft über das Blatt, das unter seiner Berührung bebte. Wie von unsichtbarer Hand erschien rotglühende Schrift, brannte sich lautlos in das Papier und setzte die Geschichte fort, die er vor so langer Zeit begonnen hatte:

 

Verdun, der Seher, warf sich zu Füßen seines Königs.

»Es ist so weit, Königliche Hoheit. Der Wind hat die Nachricht zu uns getragen. Eine neue Feder wird schon bald in unser Gebiet vordringen.«

»Wann?«

»In zwei Wochen, Königliche Hoheit.«

»Ihr wisst wo?«

»Mit absoluter Sicherheit.«

»Also wird es Zeit zum Aufbruch. – Wie finde ich sie?«

»Nicht Ihr, Königliche Hoheit.« Verdun schüttelte den Kopf. »Die Tinte wird die Feder finden.«

Der andere Mann betrachtete den alten Seher abschätzend.

»Bereitet alles vor«, sagte er knapp und winkte Verdun hinaus.

 

Die Schrift kühlte ab. Alles was blieb, war ein schwaches Leuchten, in dem er gerade noch die Buchstaben lesen konnte. Es war mehr, als er in den vergangenen Jahren gehabt hatte.

Mit klopfendem Herzen klappte er das Buch wieder zu. Hoffnung und Angst zogen ihn in eine Umarmung, denen er nichts entgegenzusetzen hatte.

Hannah

 

Hannah öffnete die Tür zu ihrem Zimmer und entdeckte verwundert ihre Freundin Marina, die in ihrem Lieblingssessel lümmelte und verträumt aus dem Fenster blickte.

»Was tust du da?«

»Oh! – Ich sehe dem Schmetterling hinterher, wie er in den Garten fliegt.« Schuldbewusst stand Marina auf und lächelte sie verlegen an. »Tut mir leid, ich konnte nicht anders, als ich die Blätter auf deinem Schreibtisch gesehen habe.« Verträumt seufzte sie auf und umarmte Hannah fest. »Es ist mir ein Rätsel, wie es dir immer gelingt, eine einfache Geschichte von einem Schmetterling so zu schreiben, dass es mich ganz tief im Herzen berührt. Ich habe ihn förmlich vor mir gesehen.«

Hannah lächelte gutmütig. »Du spinnst.«

»Wie du meinst. Aber irgendwann werde ich in einen Buchladen gehen und voller Stolz dein Buch dort kaufen. Du wirst schon sehen.«

»Haha, guter Witz«, schnaubte Hannah, aber insgeheim gab es nichts, was sie sich mehr wünschte. Ein Leben, das nicht in dem langweiligen Büro der Stadtverwaltung stattfand, in der sie vor kurzem ihre Ausbildung begonnen hatte. Sehnsüchtig sah sie auf die Blätter hinab, die Marina schuldbewusst auf den Schreibtisch hatte fallen lassen. Dann legte sie die Seiten sorgfältig zusammen und nahm einen Ordner aus ihrem Regal.

»Du solltest sie nicht nur abheften. Schick sie doch mal an einen Verlag.«

»Irgendwann«, entgegnete sie einsilbig.

»Wieso fürchtest du dich davor, dein Talent zu nutzen?« Marina klang beinahe verzweifelt, als sie weitersprach: »Dir kann doch nichts geschehen. Es liegt doch alles in deiner Hand.«

Hannah seufzte und schüttelte entschieden den Kopf. Sie war es leid. Viel zu oft hatten sie dieses Thema bereits durchgekaut. Sie würde warten und irgendwann, wenn sie das Gefühl hatte, dass es der richtige Zeitpunkt und die richtige Geschichte war, würde sie etwas an einen Verlag schicken. Vorher nicht, basta.

Marina zuckte mit den Schultern, dann grinste sie breit über das ganze Gesicht. Die Sommersprossen darin leuchteten mit ihren haselnussbraunen Augen um die Wette.

»Deswegen bin ich aber gar nicht hier. Wir haben ein Attentat auf dich vor.«

Hannah runzelte misstrauisch die Stirn. »Wir?«, fragte sie gedehnt und heftete die Seiten mit ihrer Geschichte dabei in den Ordner.

»Ja, stell dir vor, Amiras Onkel hat ein Hotel in Tunesien. Sicher erinnerst du dich, sie hat uns doch schon mehrmals davon erzählt. Er hat jedenfalls gerade sein Hotel renoviert und hat Amira und uns für eine Woche dorthin eingeladen. Wir brauchen nur den Flug zu bezahlen. Kost und Logis umsonst.« Marina sprang beinahe durch Hannahs kleines Zimmer und ergriff sie bei den Händen, als wollte sie mit ihr einen Tanz aufführen. »Was sagst du? Ist das nicht Wahnsinn?«

Tunesien! Augenblicklich erschienen sandfarbene Gebäude vor Hannahs Augen, die sich in der flirrenden Hitze kaum vom gleichfarbigen Boden abhoben. Türkisfarbenes Wasser und der heftige Wunsch, einmal eine Wüste mit eigenen Augen zu sehen, kamen in ihr hoch. Das war eine großartige Idee von Amiras Onkel.

»Wann geht es los?«, war alles, was sie fragen konnte, bevor ihr Marina mit einem Aufschrei um den Hals fiel.

 

*

 

 Zwei Wochen später betraten sie zu viert die großzügige Empfangshalle des Hotels „Riadh Hammamet“. Blankpolierte rotbraune Marmorsäulen säumten die Wände, die mit hohen Bögen versehen waren, und verliehen dem ganzen Gebäude etwas von tausendundeiner Nacht. Unsicher betrachtete Hannah flüchtig ihre staubigen Flipflops und die etwas holprigen Räder ihres Trolleys, der schon bessere Tage gesehen hatte. Dann glitt ihr Blick auf den ebenfalls glänzenden Marmorboden und die kleine schmutzige Spur, die sie und ihre Freundinnen bereits auf dem kurzen Weg vom Eingang zurückgelassen hatten. Amira schritt selbstbewusst vor ihnen her, als gehörte das Hotel nicht ihrem Onkel, sondern ihr persönlich. Weder Marina noch Emma zeigten sich von der Aufmachung des Hotels sonderlich beeindruckt, aber für Hannah war es wie der Eintritt in eine andere Welt. Ihre Fantasie vollführte bereits Purzelbäume in ihrem Kopf, und ihre Augen versuchten jedes noch so winzige Detail aufzunehmen und sich einzuprägen. Es war eine Fundgrube für neue Ideen.

»Kommst du?« Marina war stehengeblieben und lächelte sie an.

Hannah nickte und packte den Trolley fest an seinem Griff, um ihn die restliche Strecke bis zur Rezeption zu tragen, an der bereits Amira und Emma auf sie warteten.

»Mein Onkel wird uns heute Abend begrüßen«, sagte Amira und deutete auf die Concierge, die gerade telefonierte. »Er ist wohl den ganzen Tag unterwegs und will uns zum Abendessen einladen. Gebt mir eure Ausweise, wir müssen die Anmeldung noch ausfüllen.«

Hannah hielt ihren Ausweis schon griffbereit in der Hand und reichte ihn Amira, als Emma und Marina sich anstießen und nahezu gleichzeitig die Luft anhielten.

»Wow«, zischte Emma und fuhr sich verlegen durch die kurzgeschnittenen braunen Haare.

Marina kicherte. »Der Urlaub wird schön.«

Langsam wandte Hannah den Kopf und wusste sofort, was oder eher gesagt, wen die beiden meinten. Zwei junge Männer schritten auf die Rezeption zu, die zweifelsohne sämtliche Aufmerksamkeit auf sich zogen. Selbst eine Mutter mit einem Kind setzte dieses erstaunt ab und blickte den beiden Männern hinterher.

»Yin und Yang«, hörte sie Emma flüstern, dann kicherten Marina und sie wieder los.

»Benehmt euch«, tadelte Amira und funkelte die beiden aus ihren dunklen Augen an. »Mein Onkel soll sich nicht für uns schämen müssen. Die beiden Männer dort sind auch seine Gäste.«

Hannah grinste, als sie den Blick sah, mit dem Amira die Männer begutachtete und dann bewusst desinteressiert zur Seite blickte. Beide Männer waren groß und unübersehbar attraktiv. Während der eine hellblondes Haar hatte und eher sanfte Gesichtszüge, besaß der andere tiefschwarze Haare, die ihm ein wenig in die Augen fielen und seinem markant geschnittenen Gesicht etwas Wildes verliehen. Nachtdunkle Augen streiften sie, als er neben sie an den Tresen trat und kurz nickte, bevor er mit dem Blick die Concierge suchte.

»Hallo«, sagte er mit einer angenehmen dunklen Stimme, während der Blonde sich zu ihm gesellte und sie nur eines kurzen Blickes würdigte.

Hannah schluckte und trat einen Schritt zur Seite. Augenblicklich rutschten Marina und Emma auf ihren Platz.

»Schlüssel 175, bitte«, sagte der Blonde und zauberte ein faszinierendes Lächeln auf sein Gesicht.

Der Seufzer Marinas war nicht zu überhören. Hannah stieß ihr unsanft in den Rücken. Konnte das hier noch peinlicher werden? Die Freundin sah sie mit großen Augen verzückt an. Ihre Lippen formten ein »Was?«, ohne dass sie es laut aussprach, und blinzelte ihr frech zu.

»Wenn ich euch beim Anhimmeln kurz stören dürfte«, zischte Amira ein wenig genervt. »Hier sind unsere Zimmerschlüssel. Wir teilen uns ein Appartement. Ich schätze, Hannah und ich gehen schon einmal vor. Wir treffen uns dann dort.«  Mit überlautem Klappern legte sie die Schlüssel vor den anderen ab und wandte sich ab.

»Wir kommen bald nach«, versprach Marina abwesend.

Das konnte ja heiter werden, dachte Hannah und ergriff eilig ihren Schlüssel, um Amira zu folgen.

 

*

 

Nachdem sie mit Amiras Onkel ein ausgiebiges Abendessen genossen hatten, beschlossen die Freundinnen, noch gemeinsam die Hoteldisco aufzusuchen. Hannah verspürte wenig Lust auf viel zu laute Musik, aber Marina hatte konsequent gebettelt, bis sie nicht anders konnte, als ihr zuzustimmen. Jetzt saßen sie gemeinsam an diesem Tisch und tranken Cocktails, während Marinas Blick unablässig den gut gefüllten Saal absuchte.

»Du wartest doch nicht allen Ernstes auf diese beiden Typen?«, fragte Amira und verdrehte die Augen. »Dir ist echt nicht zu helfen, Marina. Lass und einfach die paar Tage hier ohne deine üblichen Flirtversuche verbringen.«

»Ach, was du nur wieder hast.« Marina winkte grinsend ab. »Dir würde ein Flirt auch wirklich einmal ganz guttun. Du kannst den Schwarzhaarigen nehmen, ich interessiere mich eher …« Abrupt verstummte Marina und ergriff Emma am Arm, die auf der anderen Seite neben ihr saß. »Yin und Yang! Da sind sie ja«, flüsterte sie aufgeregt und rutschte auf ihrem Stuhl so lange herum, bis sie endlich ihre langen Beine übereinandergeschlagen hatte und sich entspannt zurücklehnte.

»Oh, bitte.« Amira schüttelte den Kopf. »Ich gehe jetzt auf Toilette. Muss sich noch jemand die Nase pudern?«

Hannah schüttelte den Kopf, aber Emma schloss sich Amira an. Gemeinsam verschwanden sie, während Marinas „Beute“ an ihnen vorüberging und sich zwei Tische weiter zwei Plätze suchte.

»Okay! Wie sieht’s aus, Hannah?« Marina stand auf und streckte sich, dabei warf sie mit lockerem Schwung ihre langen blonden Locken nach hinten, sodass sie im Zwielicht der Disco verheißungsvoll aufglänzten.

Hannah winkte ab. »Auf keinen Fall, du kennst mich doch.«

»Wie schade. Du weißt nicht, was dir entgeht.« Mit einem Zwinkern schenkte sie Hannah ein freches Grinsen und schlenderte dann im Rhythmus der Musik, die aus den Boxen dröhnte und den Raum mit ihren Schwingungen erfüllte, auf ihre beiden Opfer zu. Vor dem Tisch blieb sie kurz stehen und tanzte betont aufreizend, bis die beiden jungen Männer zu ihr aufsahen. Der Blonde taxierte aufmerksam ihre Figur. Er sagte etwas zu Marina und deutete dabei einladend auf den Stuhl, der zwischen ihm und seinem Freund stand. Das unwiderstehliche Lächeln, das Marina auf ihr Gesicht gezaubert hatte, hatte also wieder einmal nicht seine Wirkung verfehlt. Ihre Freundin setzte sich und begann augenblicklich ein zwangloses Gespräch mit beiden. Doch der Dunkelhaarige setzte eine desinteressierte Miene auf und sah sich im Raum um, als würde er jemanden suchen. Dann lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und betrachtete seinen Freund, der Marina ein hinreißendes Lächeln schenkte, nach ihrer Hand griff und sie einfach zu sich auf seinen Schoß zog.

Hannahs Wangen wurden schamrot, als ihre Freundin ihre Arme um ihn schlang und ihn hemmungslos küsste. Sie wollte wegsehen, doch ein kleiner Teil in ihr beneidete Marina um diese Unkompliziertheit. Der größere Teil allerdings verspürte wenig Lust auf solche zumeist doch sehr kurzfristigen Begegnungen.

Dem Dunkelhaarigen schien es ähnlich zu ergehen. Er betrachtete seine beiden Tischgenossen mit gerunzelter Stirn und erhob sich schließlich abrupt. Ohne ein Wort verließ er den Tisch. Hannah erstarrte, als er in ihre Richtung kam und ein Blick aus unglaublich dunklen Augen sich kurz auf sie legte. Unwillkürlich hielt sie den Atem an. Glücklicherweise ging er an ihr vorbei, ohne sie überhaupt wahrzunehmen, und strebte dem Ausgang zu. Als sich die Tür hinter seiner großen Gestalt schloss, atmete sie tief durch. Gedankenverloren spielte Hannah mit dem Strohhalm in ihrem Cocktail herum. Marina, die schöne und selbstbewusste Marina, erregte die Aufmerksamkeit solcher Männer, aber nicht sie. Hannah seufzte noch einmal und verdrehte die Augen, als es ihr bewusst wurde. Vielleicht sollte sie sich doch so auftakeln, wie es ihre Freundinnen taten, bevor sie ausgingen. Mit ihrer Jeans und dem T-Shirt ging sie in der breiten Masse unter. Wahrscheinlich hatte er noch nicht überhaupt nicht bemerkt, dass sie zu Marina gehörte. Bisher hatte sie das aber noch nie gestört. Und plötzlich saß sie in dieser albernen Disco und machte sich Gedanken darüber. Verärgert schnaubte sie auf und knickte den Strohhalm um.

»Hast du ein Gespenst gesehen?«

»Du bist total rot im Gesicht!«

Hannah sah überrascht auf und begegnete den besorgten Blicken von Amira und Emma. Sie hatte überhaupt nicht bemerkt, dass die beiden wieder an den Tisch gekommen waren.

»Ach was! Ich denke, unsere brave Hannah ist einfach darüber entsetzt, was Marina dahinten abzieht.« Emma deutete breit grinsend auf den Tisch, an dem Marina gerade in eine leidenschaftliche Umarmung vertieft war.

Plötzlich kam Hannah die Luft unglaublich stickig vor. Entschieden schüttelte sie den Kopf und schob ihren Stuhl zurück.

»Nein, danke, mit mir ist alles in Ordnung. Ich denke, ich habe genug für heute. Wir sehen uns morgen beim Frühstück, okay?«

Ihre Freundinnen sahen sie verwundert an und nickten dann gleichzeitig, als wären sie mit einer unsichtbaren Schnur verbunden.

»Gute Nacht, Hannah!«, sagten sie wie aus einem Mund.

Hannah hastete aus dem Raum. Erleichtert atmete sie tief die klare Nachtluft ein, als sich die Tür hinter ihr schloss. Nach einigen eiligen Schritten stützte sie sich auf das Terrassengeländer. Ein kühler Hauch strich über ihr heißes Gesicht, und Hannah schloss die Augen. Dumpfe Musik quoll hinter ihr aus dem Gebäude und stieg in die Stille des Abends, nur um sich augenblicklich in der Luft gegen das leise Rauschen zu verlieren, das vom Meer über den Strand heraufkam. Hannah atmete erneut tief und intensiv ein und leckte sich leicht über die Lippen. Sie liebte den Klang der Wellen und den Geschmack von Salz auf den Lippen.

»Ist alles in Ordnung mit dir?«

Eine Stimme aus dunklem Samt streichelte ihr Ohr. Neugierig öffnete sie die Augen, nur um überrascht das Gesicht anzublinzeln, das sie besorgt ansah. Yin stand neben ihr und lächelte sie vorsichtig an.

»Ähem, doch natürlich. – Danke, - alles okay«, stammelte sie und versuchte sich an einem krampfhaften Lächeln. »Es war nur… die Luft da drin.« Hannah verstummte hilflos und fluchte innerlich.

»Ich nehme an, dich hat das Tempo ein wenig aus dem Gleichgewicht gebracht, das deine Freundin und mein Bruder an den Tag legen.« Er lächelte immer noch, doch der Besorgnis war Verständnis gewichen.

Hannah schluckte und nickte zögernd. Er hatte sie also doch am Tisch bemerkt. Hannah errötete. Was mochte er von ihr denken? Doch dann fiel ihr etwas anderes auf.

»Bruder?«, fragte sie erstaunt und sah ihrem Gegenüber das erste Mal richtig in die Augen. Niemals zuvor hatte sie so dunkle Augen gesehen. Sie waren nahezu nachtschwarz. Zu allem Überfluss spiegelten sich jetzt auch noch die Sterne darin. Yin betrachtete sie genauso regungslos, dann schüttelte er leicht den Kopf, als wäre er gerade aus einem Traum erwacht, und räusperte sich.

»Mein Bruder, ja – genau genommen, sogar mein Zwillingsbruder.«

»Bist du sicher, dass ihr bei der Geburt nicht vertauscht worden seid?«, fragte sie erstaunt und hätte sich am liebsten geohrfeigt, als sie seinen distanzierten Blick bemerkte. »Entschuldige. Es geht mich nichts an«, murmelte sie verlegen.

»Du meinst, weil wir so unterschiedlich sind wie Tag und Nacht? Oder eher wie Yin und Yang?«

Er hatte sie also gehört? Hannahs Wangen glühten augenblicklich. Ihr schlechtes Gewissen hob den Zeigefinger und deutete stumm und anklagend auf sie. Sie selbst hatte ihm ja auch diesen Namen gegeben: Yin, der die Bedeutung des Dunklen hatte und einen schattigen Ort bezeichnete. Yang hingegen bedeutete die sonnige Anhöhe. Wie passend für seinen Bruder.

»Aber dann hat dir niemand in die Augen gesehen«, sagte sie daher spontan und errötete über das ganze Gesicht.

»Augen sind die Spiegel der Seele, sagt man. – Meine sind schwarz, schwarz wie die Nacht.« Er sah sie so herausfordernd an, dass sie sich unweigerlich fragte, ob er es nicht auf eine Art sogar genoss, etwas Düsteres an sich zu haben.

»Ich liebe die Nacht«, sprudelte es aus ihr heraus, ehe sie darüber nachdenken konnte.

Ich liebe die Nacht? Was für einen Blödsinn redete sie daher? Er musste sie für vollkommen schwachsinnig halten oder verzweifelt.

»Ich heiße übrigens Targon«, sagte er belustigt und hob auf eine unnachahmliche Art eine Augenbraue, die seinem Lächeln etwas Anzügliches gab. Natürlich, er musste ja denken, dass sie nicht anders als Marina war. Hannahs Herz klopfte so laut, dass er es eigentlich hören musste. Ungerührt streckte er ihr die Hand entgegen, die sie zögernd ergriff.

»Hannah«, hauchte sie tonlos und genoss die Intensität seines festen Griffes.

»Hannah«, wiederholte er lächelnd. »Ich fürchte, du und ich, wir werden unsere Zimmergefährten erst morgen früh wiedersehen.« Jetzt grinste er sie breit an und strich sich eine vorwitzige Haarsträhne aus den Augen. »Übrigens muss es dir nicht unangenehm sein, was du gerade gesagt hast. - Ich denke, du hast recht. So wie du denken sicherlich viele. Aber da, wo ich herkomme, ist eine Verwechslung nicht möglich.«

»Hm, sicher.« Hannah wich seinem Blick aus und richtete ihre Augen auf den Himmel. Unzählige Sterne funkelten auf sie herab und mit einem leisen Flattern in ihrer Magengegend dachte sie an seine Augen. Wie konnte ein Mensch nur solche Augen besitzen? »Und woher kommst du, wenn ich fragen darf?«

»Ich lebe nicht in Deutschland.«

»Okay«, sagte Hannah langezogen und grinste Targon nun verschmitzt an. »Wenn ich mich jetzt nach dem Ausschlussprinzip weiter voran taste, dann weiß ich in ein paar Stunden zumindest das Land, in dem du lebst. – Oder aber ich akzeptiere einfach die Tatsache, dass du es mir nicht verraten möchtest.«

Targon lächelte anerkennend. Etwas lag darin, das Hannah zufrieden machte und das Flattern in ihrem Magen auf geheimnisvolle Weise verstärkte. Er hatte seine Gründe, warum er ihr nicht antwortete, und es gefiel ihm, dass sie nicht weiterfragte.

Hannah zwang sich dazu, wieder ernst zu werden. Doch ihre Mundwinkel wanderten immer wieder ganz von allein nach oben. Um sich abzulenken, betrachtete sie die Gartenanlage. Nur noch in wenigen Fenstern brannte Licht, und der Pool lag still und unberührt vor ihnen. Die Wasseroberfläche war so glatt wie ein Spiegel, sodass es aussah, als hätten sich die Palmen zur Nachtruhe ausgestreckt, die um den Pool herum gepflanzt waren. Hannah gefiel das Bild, und sie griff nach ihrer Umhängetasche, holte ein kleines Notizbuch heraus und öffnete es.

»Was tust du da? Willst du mir deine Nummer geben?«, fragte Targon mit leichtem Spott in der Stimme, der ihre Wangen erneut aufglühen ließ.

»Oh nein, auf keinen Fall, auch wenn dir das womöglich gefallen würde.« Aufgebracht funkelte sie ihn an. Was bildete dieser Kerl sich ein? Hielt er sie wirklich für derart aufdringlich? Allerdings musste sie zugeben, dass sie tatsächlich eine Menge Blödsinn geredet hatte. Trotzdem. »Nein, ich schreibe gerne Geschichten und immer, wenn ich etwas sehe, was mir gefällt, oder mir eine schöne Formulierung einfällt, schreibe ich es auf, bevor ich es wieder vergesse.«

Irritiert bemerkte Hannah, wie seine Miene bei ihren Worten versteinerte. Ein abweisender Zug wanderte unauffällig um seine Mundwinkel, und in seinen Augen verschwand das Funkeln. Selbst die Spiegelung der Sterne hatte sich daraus zurückgezogen. Hannah erschrak und klappte das Büchlein wieder zusammen, ohne etwas hineingeschrieben zu haben und ohne zu wissen, was diesen Stimmungsumschwung bewirkt haben konnte.

»Es tut mir wirklich leid, aber ich wollte nichts über dich aufschreiben, falls du das gedacht haben solltest.«

Targon schüttelte den Kopf. Seine Miene entspannte sich wieder, doch etwas Unerklärliches war plötzlich zwischen sie getreten und hatte den schönen Augenblick zerstört.

»Ich denke, ich gehe jetzt besser und sehe nach, ob ich in mein Zimmer komme. Gute Nacht, Hannah. – Es war nett, dich kennen zu lernen.« Targon lächelte flüchtig und nichtssagend. Er wartete noch nicht einmal ihre leise Antwort ab, als er bereits die Stufen der Terrasse hinunterschritt und zwischen den Bungalows verschwand.

Es war nett! Hannah schluckte enttäuscht. Etwas Schlimmeres hätte er wohl kaum sagen können. Leere Worte, die ein leeres Gefühl hinterließen, und der Schmetterling in ihrem Bauch, der gerade erst Fliegen gelernt hatte, stürzte ungebremst zu Boden und verschwand.

Hinter ihr wurde die Tür zur Disco geöffnet und sofort wieder geschlossen. Kurz kreischte die Musik durch den Spalt, als wollte sie aus dem stickigen Raum flüchten, und verstummte abrupt wieder. Hannah drehte sich um. Emma und Amira kamen Arm in Arm und ausgelassen kichernd auf sie zu.

»Was machst du denn noch hier? Wolltest du nicht schlafen gehen?« Amira trat neben Hannah und hakte sich bei ihr ein.

»Ich habe mich noch mit Yin unterhalten.« Hannah hatte keine Ahnung, warum sie ihren Freundinnen nicht Targons Namen verriet, aber aus welchem Grund auch immer wollte sie ihn nur für sich selbst haben.

»Oh!« Vielsagend stieß Amira Hannah in die Seite und sah sie mit neuer Ehrfurcht an. »Mit Yin? Wow! Wie hast du das denn geschafft? Bisher sah er nicht so aus, als wäre er an irgendeinem Mädchen hier interessiert.«

»Los, lass dich nicht drängen. Erzähl uns alle peinlichen Details.« Emma kicherte angespannt und schwankte leicht. Hannah griff nach ihrer Freundin und stützte sie. Ein Schwall alkoholgetränkten Atems wehte über ihr Gesicht. Angewidert kniff Hannah die Nasenflügel zusammen. Die zwei hatten wohl noch ein paar Cocktails getrunken.

»Yin hat mich angesprochen, als ich aus der Disco gekommen bin. Das war bereits alles. Er scheint ganz nett zu sein.«

»Nett?« Amira verdrehte die Augen.

»Die Worte vernehm‘ ich wohl – allein mir fehlt der Glaube«, rezitierte Emma mit schwerer Zunge und winkte mit der Hand ab. »Nett bedeutet dann wohl, dass er entweder dumm ist oder aber schwul. Meine Mutter sagt immer, alle netten Männer sind schwul.«

Hannah schüttelte lachend den Kopf: »Nein. Nett bedeutet in diesem Falle einfach nur nett und nicht interessiert.« Das Geständnis fiel ihr gar nicht so schwer. Ihre Freundinnen waren genau im richtigen Moment gekommen, um sie vor Trübsal zu bewahren. Auffordernd griff sie nach dem Arm von Emma und hakte sich auch bei ihr ein. »Ich hinke noch mit einem Cocktail hinterher. Lasst uns sehen, ob die Bar noch aufhat.«

 

*

 

Stunden später stand Targon in der kleinen Kochnische des Appartements und trank kaltes Wasser direkt aus dem Hahn, sämtliche Warnungen diesbezüglich ignorierend. Er konnte sich einfach nicht an das sprudelnde Wasser aus der Flasche gewöhnen, das Romun in Unmengen in den kleinen Kühlschrank gestopft hatte.

Müde richtete er sich auf und wischte sich mit der Hand über die feuchten Lippen. Er hatte keine Ruhe gefunden, weil seine Gedanken sich wie in einer endlosen Spirale um Hannah gedreht hatten. Ihre himmelblaue Augen verfolgten ihn, als hätte er zu tief hineingesehen. Niemals zuvor hatte er so strahlende Augen gesehen. Sie hatte ihn angezogen, wie eine Motte vom Licht angezogen wurde. Und ausgerechnet sie sollte die Feder sein? Nur mit Mühe hatte er zu seiner Selbstbeherrschung zurückgefunden. Es war so lange her, dass es jemand geschafft hatte, diese ins Wanken zu bringen. Besorgt runzelte er die Stirn, als ein Knarren aus dem Nebenzimmer ihn aufhorchen ließ. Einer der beiden war wohl wach geworden. Kurz darauf trat sein Bruder in das kleine Wohnzimmer und sah ihn hellwach an.

»Du siehst schrecklich aus. Was hast du heute Nacht getrieben?« Argwöhnisch zogen sich seine Augen zusammen. »Hast du etwas über unsere Feder herausgefunden?«

»Mehr als das«, antwortete Targon widerstrebend. »Es ist die Freundin deiner Abendbekanntschaft.« 

»Das ist wunderbar!« Romun lachte zufrieden auf. Er ging an Targon vorbei, öffnete den Kühlschrank und zog eine der Sprudelflaschen hervor. Dann warf er einen Blick zu seinem Zimmer zurück, bevor er weitersprach: »Das vereinfacht die Sache ungemein. Es wird ein Kinderspiel sein, die Kleine mitzunehmen.«

Targon beobachtete seinen Bruder, wie er die Flasche öffnete und sie mit wenigen kräftigen Zügen leer trank.

»Was soll jetzt so einfach daran sein?«

»Ich werde mit der süßen, kleinen Marina noch ein wenig herumturteln und in zwei Tagen werden wir dann an einem Ausflug in die Wüste teilnehmen. Ich werde Marina vorschlagen ihre Freundin mitzunehmen, damit du nicht so allein bist.« Romun zwinkerte ihm siegessicher zu. »Es wird ein Ausflug, den die beiden nicht vergessen werden. Du kannst Kerim Bescheid geben, dass er alles vorbereiten soll. Es muss alles so wirken, als wäre es ein Ausflug, den das Hotel anbietet. Lass dir was einfallen, wie wir die anderen Hotelgäste davon fernhalten.«

»Wir nehmen das andere Mädchen auch mit? Wozu soll das gut sein? Du hast zu Hause schon genug Weiber.«

Romun hob missbilligend eine Augenbraue und betrachtete seinen Bruder kalt: »Denke nach, Targon. Du weißt genauso gut wie ich, dass man uns erwarten wird und die Feder entweder töten oder entführen will. Wenn wir aber zwei Mädchen haben und wir uns trennen, weiß niemand, welches der Mädchen die Richtige ist. Sie werden sich aufteilen müssen und damit steigen deine Chancen, die Feder heil nach Hause zu bringen.«

Targon nickte widerwillig. Sein Bruder hatte recht, auch wenn es ihm nicht gefiel.

»Ich gebe zu, dass du recht hast. Aber pass auf das Mädchen auf, Romun. – Es wird kein Spaziergang werden, bis sie in Sicherheit ist.«

»Heißt das, du hast ein Gewissen, lieber Bruder? Wie ungewöhnlich für dich.« Romun lachte spöttisch auf.

»Das habe ich wohl kaum dir zu verdanken.«

Sein Bruder tat die Bemerkung mit einem Achselzucken ab und lächelte: »Wenn du mir deine Begleiterin heil in die Burg bringst, werde ich mein Möglichstes tun und auch auf ihre Freundin aufpassen.«

Das Lächeln missfiel Targon, und noch mehr missfiel ihm die Tatsache, dass es ihm nicht gleichgültig war, in welche Gefahr sie die beiden Mädchen brachten.

»Das Mädchen wird unverletzt in deiner Burg ankommen. Koste es mich, was es wolle.« Seine Worte kamen voller Inbrunst. Ein Versprechen, das er nicht nur seinem Bruder gab, sondern vor allem Hannah. Er würde alles dafür tun, um sie sicher in ihre Welt zu bringen. Trotzdem verspürte er ein unbekanntes Gefühl in seiner Magengegend, das nicht richtig fand, was er tat. Er wusste, was auf Hannah zukam, und er war sicher, dass sie nur zu gerne ihre Freundin auf den Ausflug begleitete, sobald sie hörte, dass er auch dabei war.

 Diesmal war es also das Licht, das sich an der Motte verbrennen würde.

 

*

 

Hannah streckte sich faul in ihrem Bett. Für ein Hotelbett war es wirklich herrlich bequem. Es hatte eindeutig Vorteile, einen Onkel mit eigenem Hotel zu haben.

Müde rieb sie sich über das Gesicht und stand auf. Das Bett neben ihr war wie erwartet leer. Marina hatte sich ganz offensichtlich nicht mehr von Targons Bruder lösen können. Leise schlich sie an dem zweiten Schlafzimmer vorbei, das sich Emma und Amira teilten. In dem kleinen Wohnraum brühte sie sich als erstes Kaffee auf, dann öffnete sie die große Schiebetür und trat auf die große Terrasse hinaus. Ein warmer Windhauch und das leise Rauschen der Wellen begrüßten sie. Noch war die Luft angenehm kühl und ließ nicht ahnen, dass es im Laufe des Vormittages empfindlich heiß werden würde. Emma und Amira würden heute einen Ausflug machen, vor dem sie und Marina sich erfolgreich gedrückt hatten. Da Marina den Tag sicher mit Yang verbringen würde, hatte sie die folgenden Stunden für sich.  Hannah freute sich bereits jetzt darauf, hier im Schatten mit einem Buch zu sitzen und auf das türkisfarbene Meer sehen zu können, das ihr zwischen dem künstlich angepflanzten Palmensaum entgegenstrahlte. Vielleicht konnte sie auch ein wenig schreiben. Ein Märchen hatte sich bereits gestern in der Hotelhalle in ihren Kopf geschlichen und war dann von einem Paar unglaublich dunkler Augen gefüttert worden und deutlich angewachsen.

Leises Röcheln aus dem Wohnraum rief ihr den Kaffee ins Gedächtnis. Zufrieden füllte sie sich einen großen Becher, packte ihre Schreibsachen und ihr Handy und trat wieder nach draußen. Nachdem sie die Sachen in Reichweite aufgebaut hatte, setzte sie sich auf eine Liege. Glücklich sah sie aufs Meer hinaus und nahm einen langen Schluck von dem Kaffee. Was konnte es Schöneres geben, als die Stille eines Morgens zu genießen und ganz allein seinen Gedanken nachhängen zu können?  Es war sehr freundlich von Amiras Onkel gewesen, sie alle vier hierher einzuladen.

»Morgen, Hannah!« Marina schlängelte sich durch die Bepflanzung neben ihrer Terrasse und strahlte sie mit überglücklichem Gesicht an.

»Marina!«

»Oh Gott!« Marina ließ sich auf die Liege zu Hannah fallen und umarmte sie fest. »Ich bin so wahnsinnig verliebt. Romun ist einfach ein Traum.«

Hannah rutschte ein wenig zur Seite, um Marina Platz zu machen. Unwillkürlich lächelte sie über deren Glück, obwohl sie dem Ganzen doch eher skeptisch gegenüberstand. Es war für sie schwer vorstellbar, sich Hals über Kopf in jemanden zu verlieben, aber Marina war schon immer etwas überschwänglich. Kommentarlos ließ sie sich den Kaffeebecher aus der Hand nehmen.

»Romun und sein Bruder nehmen übermorgen an einem Ausflug teil. Er hat mich gefragt, ob ich auch mitkommen will«, plapperte Marina zwischen zwei Schlucken und gab dann den Becher zurück. »Ein Ausritt in die Wüste mit einer Übernachtung in einem Beduinenzelt. Hört sich das nicht romantisch an?« Aufseufzend legte sie den Kopf gegen Hannahs Schulter, die augenblicklich Bedenken hatte. Doch noch bevor sie den Mund öffnen konnte, richtete Marina sich wieder auf. »Und du musst mitkommen, Hannah. Du kannst mich da nicht allein mitreiten lassen.«

»Das ist nicht dein Ernst, oder? Du willst tatsächlich mit zwei wildfremden Typen in die Wüste reiten? Und ich soll auch noch mit?«

»Es ist ein ganz normaler Ausflug, der vom Hotel angeboten wird. Es kommt sogar noch so ein holländisches Pärchen mit.« Schmollend schob Marina die Unterlippe vor, dann ergriff sie Hannahs Hände und sah sie mit großen Augen an. »Bitte, Hannah. Was soll denn dabei passieren?«

Hannah zögerte. Ihr war nicht behaglich zumute, aber gegen einen normalen Ausflug war wohl nichts einzuwenden.

»Ich weiß nicht, Marina. Du kennst den Mann doch gar nicht. Willst du das nicht ein bisschen langsamer angehen? Sein Bruder wird wohl keinen Wert darauf legen, dass ich auch noch mitkomme und er dann den Babysitter spielen muss.«

Marina winkte müde mit einer Hand ab und gähnte herzhaft. »Das ist komisch. Er hat beinahe das Gleiche gesagt, und dass er dich womöglich gestern Abend vor den Kopf gestoßen hat.« Neugierig blinzelte sie zu Hannah hinüber. »Was hast du wieder angestellt?«

Hannah schüttelte widerwillig den Kopf. Sie hatte nicht die geringste Lust, den gestrigen Abend vor Marina auszubreiten.

»Bitte, Hannah«, flüsterte ihre Freundin jetzt. »Romun ist unglaublich nett und mein absoluter Traummann.«

Wieder einmal der Traummann also. Hannah seufzte. Unter dem bettelnden Blick Marinas fühlte sie sich wie ein hypnotisiertes Kaninchen. Und eigentlich wollte sie ja ohnehin unbedingt die Wüste sehen. Ein Ausritt und eine Übernachtung darin waren vielleicht doch ganz schön. Widerstrebend nickte sie und saß noch lange nachdenklich da, als Marina bereits auf der Liege eingeschlafen war.

Der Sandsturm

 

Zwei Tage später saß Targon an dem Rand eines ausgetrockneten Flussbettes und schaute auf den gut zehn Meter tiefen Grund hinab. Seine Beine baumelten dabei in die Tiefe wie bei einem übermütigen Kind. Ähnlich beschwingt fühlte er sich auch tatsächlich bei dem Geschehen, das sich unter ihm abspielte.

Hannah stand mit ihrer Freundin bei den Pferden. Beide lachten ausgelassen, während Hannah immer wieder geschmeidig über den felsigen Boden tanzte und lauthals ein Lied sang. Das holländische Pärchen machte sich einen Spaß daraus, den beiden einen Holzschuhtanz beizubringen, die sich mit Feuereifer darauf einließen. Bei jeder Drehung schwangen Hannahs Haare wie eine rotbraune glänzende Flut um sie herum.

Marina klatschte in die Hände und tat es ihr nach. Doch auch, wenn sie sich in der Hotel-Disco noch so gekonnt an Romun heran geschlängelt hatte, fehlte ihr die natürliche Geschmeidigkeit, die Hannah besaß. Ihre Bewegungen wirkten steif und einstudiert, während Hannah impulsiv dem Klang und Rhythmus des Liedes folgte, das die Holländer lachend von sich gaben. Pure Lebensfreude, die ansteckend wie eine Krankheit war und die sich heimlich auch an ihn heranmachte, während er sie beobachtete. Targon konnte sich nicht dagegen wehren. Die Begegnungen mit Hannah waren seltsam intensiv. Jeder Lidschlag von ihr und jedes Wort, jede Bewegung zogen seine Blicke an und weckten eine Sehnsucht in ihm, die er so noch nicht gekannt hatte. Ein Lächeln von ihr wärmte sein Innerstes, wo dort so lange nur einstudierte Kälte geherrscht hatte. Doch ihre Wirkung war nicht gut für ihn.

Beinahe hätte er aufgeseufzt, was ihn nur noch mehr erschreckte. Das kam davon, dass er den ganzen Tag gezwungen gewesen war, neben ihr zu reiten und sich mit ihr zu unterhalten. Sie war zuerst schüchtern gewesen, aber dann war sie irgendwann aufgetaut und hatte von ihrem Hobby erzählt und damit jeden Zweifel beseitigt, dass sie nicht die Gesuchte sein sollte. Sie schrieb seit frühester Kindheit mit Leidenschaft Geschichten und träumte von der großen Schriftstellerkarriere. Es war seltsam, wie leicht sie zu finden gewesen war. 

Lautes Lachen drang zu ihm herauf. Die beiden Mädchen tanzten immer ausgelassener und wirbelten im Kreis herum, ohne auch nur zu ahnen, dass sie beobachtet wurden oder was ihnen noch bevorstand.

»Was tust du hier?«

Die barsche Stimme Romuns fuhr Targon wie Eis über den Kopf. Wie war es ihm möglich gewesen, sich unbemerkt an ihn heranzuschleichen? Und dass er geschlichen war, daran hatte Targon nicht den geringsten Zweifel, was die immer stärker werdende Kluft zwischen ihnen nur umso deutlicher machte.

»Ich passe auf unseren Fang auf«, entgegnete er kühl und hoffte, dass ihn sein Bruder nicht zu lange beobachtet hatte. War er so geblendet von Hannah, dass er seine Umgebung vollkommen aus dem Blick verloren hatte?

»Du scheinst mir gefährlich weich zu werden, Targon. Was ist los mit dir? – Vielleicht wäre es besser,  wenn ich selbst Hannah nach Kylnavern bringe. Was meinst du, Bruder?«

»Wenn du meinst, dass es so besser ist, deine Pläne kurzfristig zu ändern …« Targon verstummte und erhob sich lässig. Auge in Auge stand er seinem Bruder gegenüber, der ihn mit hochgezogenen Augenbrauen und schmalem Mund kalt musterte. Wenn ihn Marina jetzt so gesehen hätte, der ganze Zauber wäre wie fortgewischt gewesen. Die menschenverachtende Art stand Romun so deutlich ins Gesicht geschrieben, dass er auch ein Banner hätte hochhalten können. »Du weißt, dass die meisten Verfolger sich auf deine Fersen setzen werden. Du gehst ein Risiko ein, sie doch noch unterwegs zu verlieren.«

Romun forschte in seinem Gesicht, dann lächelte er verhalten und schlug Targon auf die rechte Schulter.

»Du hast recht. Ich verlasse mich auf deine Treue, Bruder.«

»Bis in den Tod, mein König«, antwortete Targon automatisch und neigte schnell den Kopf, um seine Augen zu verbergen. Wahrheit steht in den Augen, hatte Maruk ihn gelehrt. Ein geübter Leser konnte auch jede Lüge darin erkennen und Romun war ein solcher.

»Kerim hat mir das Zeichen gegeben, dass er jetzt den Sturm rufen kann. Wir sollten uns nach unten begeben.« Romun streckte Targon die Hand entgegen, die dieser ergriff. »Auf dass wir uns wohlbehalten in Kylnavern wiedersehen.«

»Auf dass wir uns wiedersehen«, entgegnete Targon knapp. Romun nickte ihm zu und ging dann vor ihm her, eine günstige Stelle für den Abstieg suchend. Zwischen zwei großen Felsblöcken wand sich ein ausgetretener Pfad hinab. Kleine schwarze Kothaufen verrieten, dass dieser Pfad von Ziegenhirten mit ihren Herden genutzt wurde, die in dieser kargen Gegend nach jeder winzigen Pflanze suchten. Geschickt lief Romun hinunter, Targon folgte ihm dicht auf den Fersen, der den ersten zaghaften Windstoß im Gesicht spürte. Kleine Steine lösten sich und kollerten vor ihnen den Pfad hinab wie Boten, die ihre Ankunft verkünden wollten. Hannah und Marina hatten aufgehört zu tanzen und sahen ihnen neugierig entgegen. Marinas Wangen nahmen einen zarten rosa Ton an, als sie ihre Augen auf Romun richtete. Er schlüpfte glatt und problemlos wie ein Aal zurück in die Rolle des charmanten Urlaubers, der seine große Liebe gefunden hatte. Mit einem Lächeln, das tiefe Grübchen in seine Wangen zauberte, breitete er seine Arme aus und schloss das glückliche Mädchen in eine Umarmung, die Targon eine Spur zu besitzergreifend erschien. Auch Hannah runzelte kurz die Stirn, sagte aber nichts, sondern zog sich langsam zu ihrem Pferd zurück. Dankbar rieb die kleine Stute ihre Stirn an ihrer Hand. Doch ein kurzer Windstoß fegte überraschend und heiß über den Boden und wirbelte Sand auf. Das Pferd riss erschrocken den Kopf hoch und wieherte. Wie zur Antwort gellte das Wiehern der anderen Tiere, die unruhig begannen auf der Stelle zu tänzeln.

»Wo kommt plötzlich der Wind her?« Marina kuschelte sich tiefer in die Arme Romuns, der mit zusammengekniffenen Augen in den blauen Himmel sah, als suchte er dort nach einer Erklärung.

»Vielleicht ein Sturm?« Targon trat zu Hannah, die ihren Kopf an den Hals ihres Reittieres gelegt hatte und ihm beruhigende Worte zuraunte.

»Allmächtiger«, hauchte sie und hob ihren Kopf. Mit großen Augen starrte sie erst ihn an und blickte dann das Flussbett suchend ab. »Und jetzt?«

»Nee, das kann nicht sein«, rief die Holländerin und griff erschrocken nach der Hand ihres Mannes.

Targon tat, als müsste er sich umsehen. Kerim kam mit weit ausholenden Schritten hinter der Kehre hervor, hinter der er verschwunden war, bevor Targon seinen luftigen Beobachtungsposten erklommen hatte. Aufgeregt wedelte er mit den Armen und schrie: »Schnell, schnell auf die Pferde. Wir können nicht hierbleiben. Ein Sandsturm kommt.«

Wie zur Bekräftigung seiner Worte tobte ein neuer Windstoß heran, der bereits Sand mit sich trug. Hannah hielt schützend ihre Hände vor das Gesicht. Marina schrie kurz auf, verstummte aber augenblicklich und presste ihren Mund fest zusammen, nachdem sie den ersten Schwall Sand abbekommen hatte. Targon spürte den heißen Atem im Gesicht und wechselte mit Romun einen schnellen Blick. Als sie die Pferde bestiegen, die unruhig vorwärtsdrängten, achteten sie sorgsam darauf, dass Kerim zwischen ihnen ritt. Romun übernahm zusammen mit der leicht panischen Marina, die ihm die Zügel überlassen hatte und sich angstvoll in die Mähne ihres Pferdes krallte, die Spitze. Hinter ihnen folgte das andere Pärchen und Kerim und erst dann kamen er und Hannah, die zwar angespannt wirkte, aber nicht sonderlich verängstigt und verbissen ihr Pferd antrieb.

»Etwa fünfhundert Meter von hier befindet sich in der rechten Wand eine Höhle, wir müssen …«

Das Aufheulen des Sturmes entriss Kerim die Worte, der hektisch nach vorne zeigte, als hatte er wirklich vor, diese Höhle zu erreichen. Der Wind kam jetzt in immer heftiger werdenden Böen, die ihre Kleidung aufflattern ließen. Hannahs Haare wehten ihr ständig vor die Augen. Vergeblich wischte sie diese zur Seite, nur damit sie augenblicklich wieder zurückwehten. Kurzerhand ließ sie die Zügel fahren, griff sich geübt die Haare und band sich hastig einen Zopf. Einige wenige Strähnen tanzten jetzt vom Wind, wie in einem Spiel hin und her getrieben, um ihren Kopf. Targon fühlte sich selbst von dieser einfachen und von der Situation völlig unbeeindruckten Geste in den Bann geschlagen.  Während Marina wie ein zitterndes Bündel in ihrem Sattel hockte, hielt Hannah ihre Zügel fest in der Hand, beugte sich tief über den Hals ihrer Stute Kimon und hatte ihren Blick konzentriert nach vorne gerichtet. Kurz warf sie einen Blick in seine Richtung, als spürte sie seine Aufmerksamkeit, dann rief sie etwas, das im Heulen des Sturmes ungehört verklang. Der Wind trug immer mehr Sand mit sich, der wie ein Schwarm wütender Bienen mit unzähligen kleinen nadelspitzen Stichen in ihre Haut schlug. Targon trieb jetzt seinerseits Radscham stärker an, um zu Hannah dichter aufzuschließen. Er beugte sich leicht zu ihr hinüber und ergriff den lose baumelnden Führstrick.

»Damit wir uns nicht verlieren!«, rief er gegen den Sturm an und wusste doch, dass sie ihn nicht verstehen konnte. Dennoch nickte Hannah zustimmend, sparte sich aber eine Antwort. Immerhin duldete sie, dass er den Strick fest in seiner Hand hielt. Gerade noch rechtzeitig.

Im gestreckten Galopp jagten sie alle vor dem Sturm her, als sich ein tiefes Brüllen hinter ihnen erhob, das selbst ihm einen Schauer über den Rücken jagte. Hannah sah sich um und diesmal schrie auch sie. In ihren entsetzt aufgerissenen Augen spiegelte sich Dunkelheit, die sie verfolgte und zu verschlingen drohte. Targon verzichtete darauf, sich umzudrehen. Auch so wusste er genau, was sich in seinem Rücken abspielte.  Nicht zum ersten Mal ging er durch den Sturm. Wenn man einmal gesehen hatte, wie Himmel und Erde von einer Wand aus Sand verschlungen wurden und Tag und Nacht unter des Sturmes Dunkelheit zu nichts verschmolzen, vergaß man diesen Anblick nie wieder. Targon hasste Sand aus tiefstem Herzen und hätte jede andere Art des Sturmes gewählt, aber Romun hatte so entschieden und er hatte diese Entscheidung nicht anzuzweifeln. Entschlossen packte er den Strick fester. Sand und Wind peitschten mit übernatürlicher Gewalt wie ein brüllendes Monster auf sie ein, das sie packte und mit seinen dornigen Krallen über sie herfiel, um sie in seinen Schlund zu ziehen und zu verschlingen.

 

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