LESEPROBE

Die Feder von Kylnavern

 

Prolog

 

Dunkelheit!

Kälte - und hin und wieder das Geräusch von tropfenden Wasser, das die einsame Stille durchbrach!

Wie lange war er hier? Er wusste es nicht, und es hatte auch keinerlei Bedeutung.

Es hatte keine Bedeutung, ob er saß oder lag oder womöglich den kleinen Raum seines Gefängnisses mit Schritten durchmaß. Wie oft hatte er mit den Händen die Wände abgetastet, um einen Ausgang zu suchen? Eine winzige Lücke, durch die Luft hinein drang?

Er hatte nichts gefunden, und auch das hatte längst seine Bedeutung verloren.

Also hockte er da und wartete ab. Längst war er sich nicht mehr sicher, ob seine Unsterblichkeit, die ihn davor bewahrte, den Verstand zu verlieren, noch ein Segen oder lediglich ein Fluch war. Ein Fluch, den er sich selbst aufgeladen hatte. Wie so vieles andere.

Heiser lachte er in die Stille und lauschte dem Klang, bis er sich verlor.

Eigentlich hatte sie ihm einen Gefallen getan. Gab es nicht Menschen, die freiwillig die Einsamkeit suchten, um sich von weltlichen Dingen zu lösen? Er lächelte. Das hatte er wohl inzwischen zweifelsohne getan. Er vermisste seltsamerweise weder Essen noch Trinken noch Kleidung oder ein bequemes Bett. Das einzige, was ihm fehlte, war frische Luft; das sanfte Streicheln einer kühlen Brise im Gesicht. Aber tatsächlich brauchte er auch diese nicht. Er hatte sich von allem gelöst, von dem, was er besessen hatte und von dem, was er getan hatte. Er fühlte sich geläutert und damit auf einzigartige Weise frei, so seltsam es auch klang. Vieles würde er jetzt anders machen.

Nachdenklich strich er über das Buch. Unwillkürlich lächelte er. Wenn sie auch nur geahnt hätte, dass er es dabei hatte, als sie ihn hier einsperrte …

Er verspürte keine Wut. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sie sich rächen würde. Und Zeit hatten sie beide mehr als genug gehabt.

Plötzlich erwärmte sich das Buch in seiner Hand. Erstaunt hob er es hoch. Ein schwaches Leuchten drang zwischen den Seiten hervor. War es möglich? Unwillkürlich zitterten seine Hände und sein Herzschlag beschleunigte sich. Dunkelroter Schein glühte um das Buch, riss es aus dem Nichts. Er schluckte aufgeregt und öffnete es vorsichtig, als könnte er das, was dort geschah, mit einer Unachtsamkeit vertreiben. Doch das Glühen blieb, belebte mit sanftem Licht die beschriebenen Seiten, bis er eine neue Seite aufschlug. Das Buch hatte eine neue Seite erhalten!

Voller Unglauben strich er sanft über das Blatt, das unter seiner Berührung bebte. Wie von unsichtbarer Hand erschien rotglühende Schrift, brannte sich lautlos in das Papier und setzte die Geschichte fort, die er vor so langer Zeit begonnen hatte:

 

Verdun, der Seher, warf sich zu den Füßen seines Königs.

»Es ist soweit, königliche Hoheit. Der Wind hat die Nachricht zu uns getragen. Eine neue Feder wird schon bald in unser Gebiet vordringen.«

»Wann?«

»In zwei Wochen, königliche Hoheit.«

»Ihr wisst wo?«

»Mit absoluter Sicherheit.«

»Also wird es Zeit zum Aufbruch. – Wie finde ich sie?«

»Nicht Ihr, königliche Hoheit.« Verdun schüttelte den Kopf. »Die Tinte wird die Feder finden.«

Der andere Mann betrachtete den alten Seher abschätzend.

»Bereitet alles vor«, sagte er knapp und winkte Verdun hinaus.

 

Die Schrift kühlte ab. Alles was blieb, war ein schwaches Leuchten, in dem er gerade noch die Buchstaben lesen konnte. Es war mehr, als er in den vergangenen Jahren gehabt hatte.

Mit klopfenden Herzen klappte er das Buch wieder zu. Hoffnung und Angst zogen ihn in eine Umarmung, der er nichts entgegenzusetzen hatte.

 

 

 

Hannah öffnete die Tür zu ihrem Zimmer und entdeckte verwundert ihre Freundin Marina, die sich in ihrem Lieblingssessel herum lümmelte und verträumt aus dem Fenster blickte.

»Was tust du da?«

»Oh! – Ich sehe dem Schmetterling hinterher, wie er in den Garten fliegt.« Schuldbewusst stand Marina auf und lächelte sie verlegen an. »Tut mir leid, ich konnte nicht anders, als ich die Blätter auf deinem Schreibtisch gesehen habe.« Verträumt seufzte sie auf und umarmte Hannah fest. »Es ist mir ein Rätsel, wie es dir immer gelingt, eine einfache Geschichte von einem Schmetterling so zu schreiben, dass es mich ganz tief im Herzen berührt. Ich habe ihn förmlich vor mir gesehen.«

Hannah lächelte gutmütig. »Du spinnst.«

»Wie du meinst. Aber irgendwann werde ich in einen Buchladen gehen und voller Stolz dein Buch dort kaufen. Du wirst schon sehen.«

»Haha, guter Witz«, schnaubte Hannah, aber insgeheim gab es nichts, was sie sich mehr wünschte. Ein Leben, das nicht in dem langweiligen Büro der Stadtverwaltung stattfand, in der sie vor kurzem ihre Ausbildung begonnen hatte. Sehnsüchtig sah sie auf die Blätter herab, die Marina schuldbewusst auf den Schreibtisch hatte fallen lassen. Dann legte sie die Geschichte sorgfältig zusammen und nahm einen Ordner aus ihrem Regal.

»Du solltest sie nicht nur abheften. Schick sie doch mal an einen Verlag.«

»Irgendwann«, entgegnete sie einsilbig. Viel zu oft hatten sie dieses Thema bereits durchgekaut. Sie würde warten und irgendwann, wenn sie das Gefühl hatte, dass es der richtige Zeitpunkt und die richtige Geschichte war, würde sie etwas an einen Verlag schicken. Vorher nicht, basta.

Marina zuckte mit den Schultern, dann grinste sie breit über das ganze Gesicht. Die Sommersprossen darin leuchteten mit ihren haselnussbraunen Augen um die Wette.

»Deswegen bin ich aber gar nicht hier. Wir haben ein Attentat auf dich vor.«

Hannah runzelte misstrauisch die Stirn. »Wir?«, fragte sie gedehnt und heftete ihre Geschichte dabei in den Ordner.

»Ja, stell dir vor, Amiras Onkel hat ein Hotel in Tunesien. Sicher erinnerst du dich, sie hat uns doch schon mehrmals davon erzählt. Er hat jedenfalls gerade sein Hotel renoviert und hat Amira und uns für eine Woche dorthin eingeladen. Wir brauchen nur den Flug zu bezahlen. Kost und Logis umsonst.« Marina sprang beinahe durch Hannahs kleines Zimmer und ergriff sie bei den Händen, als wollte sie mit ihr einen Tanz aufführen. »Was sagst du? Ist das nicht Wahnsinn?«

Tunesien! Augenblicklich erschienen sandfarbene Gebäude vor Hannahs Augen, die sich in der flirrenden Hitze kaum vom gleichfarbigen Boden abhoben. Türkisfarbenes Wasser und der heftige Wunsch, einmal eine Wüste mit eigenen Augen zu sehen, kamen in ihr hoch. Das war eine großartige Idee von Amiras Onkel.

»Wann geht es los?«, war alles, was sie fragen konnte, bevor ihr Marina mit einem Aufschrei um den Hals fiel.

 

*

 

  Zwei Wochen später betraten sie zu viert die großzügige Empfangshalle des Hotels „Rhiad Hammamet“. Blankpolierte rotbraune Marmorsäulen säumten die Wände, die mit hohen Bögen versehen waren, und verliehen dem ganzen Gebäude etwas von tausendundeiner Nacht. Unsicher betrachtete Hannah flüchtig ihre staubigen Flipflops und die etwas holprigen Räder ihres Trolleys, der schon bessere Tage gesehen hatte. Dann glitt ihr Blick auf den ebenfalls glänzenden Marmorboden und die kleine schmutzige Spur, die sie und ihre Freundinnen bereits auf dem kurzen Weg vom Eingang zurückgelassen hatten. Amira schritt selbstbewusst vor ihnen her, als gehörte das Hotel nicht ihrem Onkel, sondern ihr persönlich. Weder Marina noch Emma zeigten sich von der Aufmachung des Hotels sonderlich beeindruckt, aber für Hannah war es wie der Eintritt in eine andere Welt. Ihre Fantasie vollführte bereits Purzelbäume in ihrem Kopf, und ihre Augen versuchten jedes noch so winzige Detail aufzunehmen und sich einzuprägen. Es war wie eine Fundgrube für neue Ideen.

»Kommst du?« Marina war stehengeblieben und lächelte sie an.

Hannah nickte und packte den Trolley fest an seinem Griff, um ihn die restliche Strecke bis zur Rezeption zu tragen, an der bereits Amira und Emma auf sie warteten.

»Mein Onkel wird uns heute Abend begrüßen«, sagte Amira und deutete auf die Concierge, die gerade telefonierte. »Er ist wohl den ganzen Tag unterwegs und will uns zum Abendessen einladen. Gebt mir mal eure Ausweise, wir müssen die Anmeldung noch ausfüllen.«

Hannah hielt ihren Ausweis schon griffbereit in der Hand und reichte ihn Amira, als Emma und Marina sich anstießen und nahezu gleichzeitig die Luft anhielten.

»Wow«, zischte Emma und fuhr sich verlegen durch die kurzgeschnittenen braunen Haare.

Marina kicherte. »Der Urlaub wird schön.«

Langsam wandte Hannah den Kopf und wusste sofort, was oder eher gesagt, wen die beiden meinten. Zwei junge Männer schritten auf die Rezeption zu, die zweifelsohne sämtliche Aufmerksamkeit auf sich zogen. Selbst eine Mutter mit einem Kind setzte dieses erstaunt ab und blickte den beiden Männern hinterher.

»Yin und Yang«, hörte sie Emma flüstern, dann kicherten Marina und sie wieder los.

»Benehmt euch«, tadelte Amira und funkelte die beiden aus ihren dunklen Augen an. »Mein Onkel soll sich nicht für uns schämen müssen. Die beiden Männer dort sind auch seine Gäste.«

Hannah grinste, als sie den Blick sah, mit dem Amira die Männer ansah und dann bewusst desinteressiert zur Seite sah. Beide Männer waren groß und unübersehbar attraktiv. Während der eine hellblondes Haar hatte und eher sanfte Gesichtszüge, besaß der andere tiefschwarze Haare, die ihm ein wenig in die Augen fielen und seinem markant geschnittenen Gesicht etwas Wildes verliehen. Nachtdunkle Augen streiften sie, als er neben sie an den Tresen trat und kurz nickte, bevor er mit dem Blick die Concierge suchte.

»Hallo«, sagte er mit einer angenehmen dunklen Stimme, während der blonde sich zu ihm gesellte und sie nur eines kurzen Blickes würdigte.

Hannah schluckte und trat einen Schritt zur Seite. Augenblicklich rutschten Marina und Emma auf ihren Platz.

»Schlüssel 175, bitte«, sagte der Blonde und zauberte ein faszinierendes Lächeln auf sein Gesicht.

Der Seufzer Marinas war nicht zu überhören. Hannah stieß ihr unsanft in den Rücken. Konnte das hier noch peinlicher werden? Die Freundin sah sie mit großen Augen verzückt an. Ihre Lippen formten ein „Was?“, ohne dass sie es laut aussprach, und sie blinzelte Hannah frech zu.

»Wenn ich euch beim Anhimmeln kurz stören dürfte«, zischte Amira ein wenig genervt. »Hier sind unsere Zimmerschlüssel. Wir teilen uns ein Appartement. Ich schätze, Hannah und ich gehen schon einmal vor. Wir treffen uns dann da.«  Mit überlautem Klappern legte sie die Schlüssel vor den anderen ab und wandte sich ab.

»Wir kommen bald nach«, versprach Marina abwesend.

Das konnte ja heiter werden, dachte Hannah und ergriff eilig ihren Schlüssel, um Amira zu folgen.

 

*

 

Nachdem sie mit Amiras Onkel ein ausgiebiges Abendessen genossen hatten, beschlossen die Freundinnen noch gemeinsam die Hoteldisco aufzusuchen. Hannah verspürte wenig Lust auf viel zu laute Musik, aber Marina hatte konsequent gebettelt, bis sie nicht anders konnte, als ihr zuzustimmen. Jetzt saßen sie gemeinsam an diesem Tisch und tranken Cocktails, während Marinas Blick unablässig den gut gefüllten Saal absuchte.

»Du wartest doch nicht allen Ernstes auf diese beiden Typen?«, fragte Amira und verdrehte die Augen. »Dir ist echt nicht zu helfen, Marina. Lass und einfach die paar Tage hier ohne deine üblichen Flirtversuche verbringen.«

»Ach, was du nur wieder hast.« Marina winkte grinsend ab. »Dir würde ein Flirt auch wirklich mal ganz guttun. Du kannst den schwarzhaarigen nehmen, ich interessiere mich eher …« Abrupt verstummte Marina und ergriff Emma am Arm, die auf der anderen Seite neben ihr saß. »Yin und Yang! Da sind sie ja«, flüsterte sie aufgeregt und rutschte auf ihrem Stuhl herum, bis sie endlich ihre langen Beine übereinandergeschlagen hatte und sich lässig zurücklehnte.

»Oh, bitte.« Amira schüttelte den Kopf. »Ich gehe mal eben auf Toilette. Muss sich noch jemand die Nase pudern?«

Hannah schüttelte den Kopf, aber Emma schloss sich Amira an. Gemeinsam verschwanden sie, während Marinas Beute an ihnen vorüberging und sich zwei Tische weiter zwei Plätze suchte.

»Okay! Wie sieht’s aus, Hannah?« Marina stand auf und streckte sich, dabei warf sie mit lockerem Schwung ihre langen blonden Locken nach hinten, so dass sie im Zwielicht der Disco verheißungsvoll aufglänzten.

Hannah winkte ab. »Auf keinen Fall, du kennst mich doch.«

»Wie schade. Du weißt nicht, was dir entgeht.« Mit einem Zwinkern schenkte sie Hannah ein freches Grinsen und schlenderte dann im Rhythmus der Musik, die aus den Boxen dröhnte und den Raum mit ihren Schwingungen erfüllte, auf ihre beiden Opfer zu. Vor dem Tisch blieb sie kurz stehen und tanzte betont aufreizend, bis die beiden jungen Männer zu ihr aufsahen. Der Blonde taxierte aufmerksam ihre Figur. Er sagte etwas zu Marina und deutete dabei einladend auf den Stuhl, der zwischen ihm und seinem Freund stand. Das unwiderstehliche Lächeln, das Marina auf ihr Gesicht gezaubert hatte, hatte also mal wieder nicht seine Wirkung verfehlt. Ihre Freundin setzte sich und begann augenblicklich ein zwangloses Gespräch mit beiden. Doch der Dunkelhaarige setzte eine desinteressierte Miene auf und sah sich im Raum um, als würde er jemanden suchen. Dann lehnte er sich lässig in seinem Stuhl zurück und betrachtete seinen Freund, der Marina ein hinreißendes Lächeln schenkte, nach ihrer Hand griff und sie einfach zu sich auf seinen Schoß zog.

Hannahs Wangen wurden schamrot, als ihre Freundin ihre Arme um ihn schlang und ihn hemmungslos küsste. Sie wollte wegsehen, doch ein kleiner Teil in ihr beneidete Marina um diese Unkompliziertheit. Der größere Teil allerdings verspürte wenig Lust auf solche doch zumeist sehr kurzfristigen Begegnungen.

Dem Dunkelhaarigen schien es ähnlich zu ergehen. Er betrachtete seine beiden Tischgenossen mit gerunzelter Stirn und erhob sich schließlich abrupt. Ohne ein Wort verließ er den Tisch. Hannah erstarrte, als er in ihre Richtung kam und ein Blick aus unglaublich dunklen Augen sich kurz auf sie legte. Unwillkürlich hielt sie den Atem an. Glücklicherweise ging er an ihr vorbei, ohne sie überhaupt wahrzunehmen, und strebte dem Ausgang zu. Als sich die Tür hinter seiner großen Gestalt schloss, atmete sie tief durch. Gedankenverloren spielte Hannah mit dem Strohhalm in ihrem Cocktail herum. Marina, die schöne und selbstbewusste Marina, erregte die Aufmerksamkeit solcher Männer, aber nicht sie. Hannah seufzte noch einmal und verdrehte die Augen, als es ihr bewusst wurde. Vielleicht sollte sie sich doch einmal so auftakeln, wie es ihre Freundinnen taten, bevor sie ausgingen. Mit ihrer Jeans und dem T-Shirt ging sie in der breiten Masse unter. Wahrscheinlich hatte er noch nicht einmal bemerkt, dass sie zu Marina gehörte. Verärgert schnaubte sie auf und knickte den Strohhalm um. Bisher hatte sie das aber noch nie gestört. Und plötzlich saß sie in dieser albernen Disco und machte sich Gedanken darüber.

»Hast du ein Gespenst gesehen?«

»Du bist total rot im Gesicht!«

Hannah sah überrascht auf und begegnete den besorgten Blicken von Amira und Emma. Sie hatte überhaupt nicht gemerkt, wie die beiden wieder an den Tisch gekommen waren.

»Ach was! Ich denke, unsere brave Hannah ist einfach darüber entsetzt, was Marina dahinten abzieht.« Emma deutete breit grinsend auf den Tisch, an dem Marina gerade in einer leidenschaftlichen Umarmung vertieft war.

Plötzlich kam Hannah die Luft unglaublich stickig vor. Entschieden schüttelte sie den Kopf und schob ihren Stuhl zurück.

»Nein, danke, mit mir ist alles in Ordnung. Ich denke, ich habe genug für heute. Wir sehen uns morgen beim Frühstück, okay?«

Ihre Freundinnen sahen sie verwundert an und nickten dann gleichzeitig, als wären sie mit einer unsichtbaren Schnur verbunden.

»Gute Nacht, Hannah!«, sagten sie wie aus einem Mund.

Hannah hastete aus dem Raum. Erleichtert atmete sie tief die klare Nachtluft ein, als sich die Tür hinter ihr schloß. Nach einigen eiligen Schritten stützte sie sich auf das Verandageländer. Ein kühler Hauch strich über ihr heißes Gesicht, und Hannah schloss die Augen. Dumpfe Musik quoll hinter ihr aus dem Gebäude und stieg in die Stille des Abends, nur um sich augenblicklich in der Luft gegen das leise Rauschen zu verlieren, das vom Strand heraufkam. Hannah atmete erneut tief und intensiv ein und leckte sich leicht über die Lippen. Sie liebte den Klang der Wellen und den Geschmack von Salz auf den Lippen.

»Ist alles in Ordnung mit dir?«

Eine Stimme aus dunklem Samt streichelte ihr Ohr. Neugierig öffnete sie die Augen, nur um überrascht das Gesicht anzublinzeln, das sie besorgt ansah. Yin stand neben ihr und lächelte sie vorsichtig an.

»Ähem, doch natürlich. – Danke, - alles okay«, stammelte sie und versuchte sich an einem krampfhaften Lächeln. »Es war nur… die Luft da drin.« Hannah verstummte hilflos und fluchte innerlich.

»Ich nehme an, dich hat das Tempo ein wenig aus dem Gleichgewicht gebracht, das deine Freundin und mein Bruder an den Tag legen.« Er lächelte immer noch, doch die Besorgnis war Verständnis gewichen.

Hannah schluckte und nickte zögernd. Er hatte sie also doch am Tisch bemerkt. Hannah errötete. Was mochte er von ihr denken? Doch dann fiel ihr etwas anderes auf.

»Bruder?«, fragte sie erstaunt und sah ihr Gegenüber das erste Mal richtig in die Augen. Niemals zuvor hatte sie so dunkle Augen gesehen. Sie waren nahezu nachtschwarz. Zu allem Überfluss spiegelten sich jetzt auch noch die Sterne darin. Yin betrachtete sie genauso regungslos, dann schüttelte er leicht den Kopf, als wäre er gerade aus einem Traum erwacht, und räusperte sich.

»Mein Bruder, ja – genau genommen, sogar mein Zwillingsbruder.«

»Bist du sicher, dass ihr bei der Geburt nicht vertauscht worden seid?«, fragte sie erstaunt und hätte sich am liebsten geohrfeigt, als sie seinen distanzierten Blick bemerkte. »Entschuldige. Es geht mich nichts an.«, murmelte sie verlegen.

»Du meinst, weil wir so unterschiedlich sind wie Tag und Nacht? Oder eher wie Yin und Yang?«

Er hatte sie also gehört? Hannahs Wangen explodierten augenblicklich. Ein schlechtes Gewissen hob in ihr den Zeigefinger und deutete stumm und anklagend auf sie. Sie selbst hatte ihm ja auch diesen Namen gegeben: Yin, der die Bedeutung des Dunklen hatte und einen schattigen Ort bezeichnete. Yang hingegen bedeutete die sonnige Anhöhe. Wie passend für seinen Bruder.

»Aber dann hat dir niemand in die Augen gesehen«, sagte sie daher spontan und errötete über das ganze Gesicht.

»Augen sind die Spiegel der Seele, sagt man. – Meine sind schwarz, schwarz wie die Nacht.« Er sah sie so herausfordernd an, dass sie sich unweigerlich fragte, ob er es nicht auf eine Art sogar genoss, etwas Düsteres an sich zu haben.

»Ich liebe die Nacht«, sprudelte es aus ihr heraus, ehe sie darüber nachdenken konnte.

Ich liebe die Nacht? Was für einen Blödsinn redete sie daher? Er musste sie für vollkommen schwachsinnig halten oder verzweifelt.

»Ich heiße übrigens Targon«, sagte er belustigt und hob auf eine unnachahmliche Art eine Augenbraue, die seinem Lächeln etwas Anzügliches gab. Natürlich, er musste ja denken, dass sie nicht anders als Marina war. Hannahs Herz klopfte so laut, dass er es eigentlich hören musste. Ungerührt streckte er ihr die Hand entgegen, die sie zögernd ergriff.

»Hannah«, hauchte sie tonlos und genoss die Intensität seines festen Griffes.

»Hannah«, wiederholte er lächelnd. »Ich fürchte, du und ich, wir werden unsere Zimmergefährten erst morgen früh wiedersehen.« Jetzt grinste er sie breit an und strich sich eine vorwitzige Haarsträhne aus den Augen. »Übrigens muss es dir nicht unangenehm sein, was du gerade gesagt hast. - Ich denke, du hast Recht. So, wie du, denken sicherlich viele. Aber da, wo ich herkomme, ist eine Verwechslung nicht möglich.«

»Hm, sicher.« Hannah wich seinem Blick aus und richtete ihre Augen auf den Himmel. Unzählige Sterne funkelten auf sie herab und mit einem leisen Flattern in ihrer Magengegend dachte sie an seine Augen. Wie konnte ein Mensch nur solche Augen besitzen? »Und woher kommst du, wenn ich fragen darf?«

»Ich lebe nicht in Deutschland.«

»Okay«, sagte Hannah langezogen und grinste Targon nun verschmitzt an. »Wenn ich mich jetzt nach dem Ausschlussprinzip weiter voran taste, dann weiß ich in ein paar Stunden zumindest das Land, in dem du lebst. – Oder aber ich akzeptiere einfach die Tatsache, dass du es mir nicht verraten möchtest.«

Targon lächelte anerkennend. Etwas lag darin, dass Hannah zufrieden machte und das Flattern in ihrem Magen auf geheimnisvolle Weise verstärkte. Er hatte seine Gründe, warum er ihr nicht antwortete, und es gefiel ihm, dass sie nicht daran rührte.

Hannah zwang sich dazu, wieder ernst zu werden. Doch ihre Mundwinkel wanderten immer wieder ganz von alleine nach oben. Um sich abzulenken, betrachtete sie die Gartenanlage. Nur noch in vereinzelten Fenstern brannte Licht, und der Pool lag still und unberührt vor ihnen. Die Wasseroberfläche war so glatt wie ein Spiegel, auf dem sich die Palmen zur Nachtruhe ausgestreckt hatten, die um den Pool herum gepflanzt waren. Hannah gefiel das Bild, und sie griff nach ihrer Umhängetasche, holte ein kleines Notizbuch heraus und öffnete es.

»Was tust du da? Willst du mir deine Nummer geben?«, fragte Targon mit leichtem Spott in der Stimme, der ihre Wangen erneut aufglühen ließ.

»Oh nein, auf keinen Fall, auch wenn dir das womöglich gefallen würde.« Aufgebracht funkelte sie ihn an. Was bildete dieser Kerl sich ein? Hielt er sie wirklich für derart aufdringlich? Allerdings musste sie zugeben, dass sie wirklich eine Menge Blödsinn geredet hatte. Trotzdem. »Nein, ich schreibe gerne Geschichten und immer, wenn ich etwas sehe, was mir gefällt oder mir eine schöne Formulierung einfällt, schreibe ich es auf, bevor ich es wieder vergessen kann.«

Irritiert bemerkte Hannah, wie seine Miene bei ihren Worten versteinerte. Ein abweisender Zug wanderte unauffällig um seine Mundwinkel, und in seinen Augen verschwand das Funkeln. Selbst die Spiegelung der Sterne hatte sich daraus zurückgezogen. Hannah erschrak und klappte das Büchlein wieder zusammen, ohne etwas hineingeschrieben zu haben und ohne zu wissen, was diesen Stimmungsumschwung bewirkt haben konnte.

»Es tut mir wirklich leid, aber ich wollte nichts über dich aufschreiben, falls du das gedacht haben solltest.«

Targon schüttelte den Kopf. Seine Miene entspannte sich wieder, doch etwas Unerklärliches war plötzlich zwischen sie getreten und hatte den schönen Augenblick zerstört.

»Ich denke, ich gehe jetzt besser und sehe nach, ob ich in mein Zimmer komme. Gute Nacht, Hannah. – Es war nett, dich kennen zu lernen.« Targon lächelte flüchtig und nichtssagend. Er wartete noch nicht einmal ihre leise Antwort ab, als er bereits die Stufen der Veranda hinunterschritt und zwischen den Bungalows verschwand.

Es war nett! Hannah schluckte enttäuscht. Etwas Schlimmeres hätte er wohl kaum sagen können. Leere Worte, die ein leeres Gefühl hinterließen, und der Schmetterling in ihrem Bauch, der gerade erst Fliegen gelernt hatte, stürzte ungebremst zu Boden und verschwand.

Hinter ihr wurde die Tür zur Disco geöffnet und direkt wieder geschlossen. Kurz kreischte die Musik durch den Spalt, als wollte sie aus dem stickigen Raum flüchten, und verstummte abrupt wieder. Hannah drehte sich um. Emma und Amira kamen Arm in Arm und ausgelassen kichernd auf sie zu.

»Was machst du denn noch hier? Wolltest du nicht schlafen gehen?« Amira trat neben Hannah und harkte sich bei ihr ein.

»Ich habe mich noch mit Yin unterhalten.« Hannah hatte keine Ahnung, warum sie ihren Freundinnen nicht Targons Namen verriet, aber irgendwie wollte sie ihn nur für sich selbst haben.

»Oh!« Vielsagend stieß Amira Hannah in die Seite und sah sie mit neuer Ehrfurcht an. »Mit Yin? Wow! Wie hast du das denn geschafft? Bisher sah er nicht so aus, als wäre er an irgendeinem Mädchen hier interessiert.«

»Los, lass dich nicht drängen. Erzähl uns alle peinlichen Details.« Emma kicherte angespannt und schwankte leicht. Hannah griff nach ihrer Freundin und stützte sie. Ein Schwall alkoholgetränkten Atems wehte über ihr Gesicht. Angewidert kniff Hannah die Nasenflügel zusammen. Die zwei hatten wohl noch ein paar Cocktails getrunken.

»Yin hat mich angesprochen, als ich aus der Disco gekommen bin. Das war bereits alles. Er scheint ganz nett zu sein.«

»Nett?« Amira verdrehte die Augen.

»Die Worte vernehm ich wohl – allein mir fehlt der Glaube«, rezitierte Emma mit schwerer Zunge und winkte mit der Hand ab. »Nett bedeutet dann wohl, dass er entweder dumm ist oder aber schwul. Meine Mutter sagt immer, alle netten Männer sind schwul.«

Hannah schüttelte lachend den Kopf: »Nein. Nett bedeutet in diesem Falle einfach nur nett und nicht interessiert.« Das Geständnis fiel ihr gar nicht so schwer. Ihre Freundinnen waren genau im richtigen Moment gekommen, um sie vor Trübsal zu bewahren. Auffordernd griff sie nach dem Arm von Emma und harkte sich auch bei ihr ein. »Ich hinke noch mit einem Cocktail hinterher. Lasst uns sehen, ob die Bar noch aufhat.«

 

*

 

Stunden später stand Targon in der kleinen Kochnische des Appartements und trank kaltes Wasser direkt aus dem Hahn, sämtliche Warnungen diesbezüglich ignorierend. Er konnte sich einfach nicht an das sprudelnde Wasser aus der Flasche gewöhnen, dass Romun in Unmengen in den kleinen Kühlschrank gestopft hatte.

Müde richtete er sich auf und wischte sich mit der Hand über die feuchten Lippen. Er hatte keine Ruhe gefunden, weil seine Gedanken sich wie in einer endlosen Spirale um Hannah drehten. Ihre himmelblaue Augen verfolgten ihn, als hatte er zu tief hinein gesehen. Niemals zuvor hatte er so strahlende Augen gesehen. Sie hatte ihn angezogen, wie eine Motte von Licht angezogen wurde. Und ausgerechnet sie sollte die Feder sein? Nur mit Mühe hatte er zu seiner Selbstbeherrschung zurückgefunden. Es war so lange her, dass es jemand geschafft hatte, diese ins Wanken zu bringen. Besorgt runzelte er die Stirn, als ein Knarren aus dem Nebenzimmer ihn aufhorchen ließ. Einer der beiden war wohl wach geworden. Kurz darauf trat sein Bruder in das kleine Wohnzimmer und sah ihn hellwach an.

»Du siehst schrecklich aus. Was hast du heute Nacht getrieben?« Argwöhnisch zogen sich seine Augen zusammen. »Hast du was über unsere Feder herausgefunden?«

»Mehr als das«, antwortete Targon widerstrebend. »Es ist die Freundin deiner Abendbekanntschaft.« 

»Das ist wunderbar!« Romun lachte zufrieden auf. Er ging an Targon vorbei, öffnete den Kühlschrank und zog eine der Sprudelflaschen hervor. Dann warf er einen Blick zu seinem Zimmer zurück, bevor er weitersprach: »Das vereinfacht die Sache ungemein. Es wird ein Kinderspiel sein, die Kleine mitzunehmen.«

Targon beobachtete seinen Bruder, wie er die Flasche öffnete und sie mit wenigen kräftigen Zügen leer trank.

»Was soll jetzt so einfach daran sein?«

»Ich werde mit der süßen, kleinen Marina noch ein wenig herumturteln und in zwei Tagen werden wir dann an einem Ausflug in die Wüste teilnehmen. Ich werde Marina vorschlagen ihre Freundin mitzunehmen, damit du nicht so alleine bist.« Romun zwinkerte ihm siegessicher zu. »Es wird ein Ausflug, den die beiden nicht vergessen werden. Du kannst Kerim Bescheid geben, dass er alles vorbereiten soll. Es muss alles so wirken, als wäre es ein Ausflug, den das Hotel anbietet. Lass dir was einfallen, wie wir die anderen Hotelgäste davon fernhalten.«

»Wir nehmen das andere Mädchen auch mit? Wozu soll das gut sein? Du hast zu Hause schon genug Weiber.«

Romun hob missbilligend eine Augenbraue und betrachtete seinen Bruder kalt: »Denke nach, Targon. Du weißt genau so gut wie ich, dass man uns erwarten wird und die Feder entweder töten oder entführen will. Wenn wir aber zwei Mädchen haben und wir uns trennen, weiß niemand, welches der Mädchen die Richtige ist. Sie werden sich aufteilen müssen und damit steigen deine Chancen, die Feder heil nach Hause zu bringen.«

Targon nickte widerwillig. Sein Bruder hatte Recht, auch wenn es ihm nicht gefiel.

»Ich gebe zu, dass du Recht hast. Aber pass auf das Mädchen auf, Romun. – Es wird kein Spaziergang werden, bis sie in Sicherheit ist.«

»Heißt das, du hast ein Gewissen, lieber Bruder? Wie ungewöhnlich für dich.« Romun lachte spöttisch auf.

»Das habe ich wohl kaum dir zu verdanken.«

Sein Bruder tat die Bemerkung mit einem Achselzucken ab und lächelte: »Wenn du mir deine Begleiterin heil in die Burg bringst, werde ich mein möglichstes tun und auch auf ihre Freundin aufpassen.«

Das Lächeln missfiel Targon, und noch mehr missfiel ihm die Tatsache, dass es ihm nicht gleichgültig war, in welche Gefahr sie die beiden Mädchen brachten.

»Das Mädchen wird unverletzt in deiner Burg ankommen. Koste es mich, was es wolle.« Seine Worte kamen voller Inbrunst. Ein Versprechen, das er nicht nur seinem Bruder gab, sondern vor allem Hannah. Er würde alles dafür tun, um sie sicher in ihre Welt zu bringen. Trotzdem verspürte er ein unbekanntes Gefühl in seiner Magengegend, das nicht richtig fand, was er tat. Er wusste, was auf Hannah zukam, und er war sicher, dass sie nur zu gerne ihre Freundin auf den Ausflug begleitete, sobald sie hörte, dass er auch dabei war.

 Diesmal war es also das Licht, das sich an der Motte verbrennen würde.

 

*

 

Hannah streckte sich faul in ihrem Bett. Für ein Hotelbett war es wirklich herrlich bequem. Es hatte eindeutig Vorteile, einen Onkel mit eigenem Hotel zu haben.

Müde rieb sie sich über das Gesicht und stand auf. Das Bett neben ihr war wie erwartet leer. Marina hatte sich ganz offensichtlich nicht mehr von Targons Bruder lösen können. Leise schlich sie an dem zweiten Schlafzimmer vorbei, das sich Emma und Amira teilten. In dem kleinen Wohnraum brühte sie sich als erstes Kaffee auf, dann öffnete sie die große Schiebetür und trat auf die große Terrasse hinaus. Ein warmer Windhauch und das leise Rauschen der Wellen begrüßten sie. Noch war die Luft angenehm kühl und ließ nicht ahnen, dass es im Laufe des Vormittages empfindlich heiß werden würde. Emma und Amira würden heute einen Ausflug machen, vor dem sie und Marina sich erfolgreich gedrückt hatten. Da Marina den Tag sicher mit Yang verbringen würde, hatte sie die folgenden Stunden für sich.  Hannah freute sich bereits jetzt darauf, hier im Schatten mit einem Buch zu sitzen und auf das türkisfarbene Meer sehen zu können, dass ihr zwischen den künstlich angepflanzten Palmensaum entgegen strahlte. Vielleicht konnte sie auch ein wenig schreiben. Ein Märchen hatte sich bereits in der Hotelhalle in ihren Kopf geschlichen und war dann von einem Paar  unglaublich dunkler Augen gefüttert worden und deutlich angewachsen.

Leises Röcheln aus dem Wohnraum rief ihr den Kaffee ins Gedächtnis. Zufrieden füllte sie sich einen großen Becher, packte ihre Schreibsachen und ihr Handy und trat wieder nach draußen. Nachdem sie die Sachen in Reichweite aufgebaut hatte, setzte sie sich auf eine Liege. Glücklich sah sie aufs Meer hinaus und nahm einen langen Schluck von dem Kaffee. Was konnte es Schöneres geben, als die Stille eines Morgens zu genießen und ganz alleine seinen Gedanken nachhängen zu können?  Es war wirklich nett von Amiras Onkel gewesen, sie alle vier hierher einzuladen.

»Morgen, Hannah!« Marina schlängelte sich durch die Bepflanzung neben ihrer Terrasse und strahlte sie mit überglücklichem Gesicht an.

»Marina!«

»Oh Gott!« Marina ließ sich auf die Liegen zu Hannah fallen und umarmte sie fest. »Ich bin so wahnsinnig verliebt. Roman ist einfach ein Traum.«

Hannah rutschte ein wenig zur Seite, um Marina Platz zu machen. Unwillkürlich lächelte sie über deren Glück, obwohl sie dem Ganzen doch eher skeptisch gegenüberstand. Es war für sie schwer vorstellbar, sich Hals über Kopf in jemanden zu verlieben, aber Marina war schon immer etwas überschwänglich. Kommentarlos ließ sie sich den Kaffeebecher aus der Hand nehmen.

»Ronum und sein Bruder nehmen übermorgen an einem Ausflug teil. Er hat mich gefragt, ob ich nicht auch mitkommen will«, plapperte Marina zwischen zwei Schlucken und reichte dann den Becher zurück. »Ein Ausritt in die Wüste mit einer Übernachtung in einem Beduinenzelt. Hört sich das nicht romantisch an?« Aufseufzend legte sie den Kopf gegen Hannahs Schulter, die augenblicklich Bedenken hatte. Doch noch bevor sie den Mund öffnen konnte, richtete Marina sich wieder auf. »Und du musst mitkommen, Hannah. Du kannst mich da nicht alleine mit reiten lassen.«

»Das ist nicht dein Ernst, oder? Du willst tatsächlich mit zwei wildfremden Typen in die Wüste reiten? Und ich soll auch noch mit?«

»Es ist ein ganz normaler Ausflug, der vom Hotel angeboten wird. Es kommt sogar noch so ein holländisches Pärchen mit.« Schmollend schob Marina die Unterlippe vor, dann ergriff sie Hannahs Hände und sah sie mit großen Augen an. »Bitte, Hannah. Was soll denn dabei passieren?«

Hannah zögerte. Ihr war nicht behaglich zumute, aber gegen einen normalen Ausflug war wohl nichts einzuwenden.

»Ich weiß nicht, Marina. Du kennst den Mann doch gar nicht. Willst du das nicht ein bisschen langsamer angehen? Sein Bruder wird wohl keinen Wert darauf legen, dass ich auch noch mitkomme und er dann den Babysitter spielen muss.«

Marina winkte müde mit einer Hand ab und gähnte herzhaft. »Das ist komisch. Er hat beinahe das Gleiche gesagt, und dass er dir womöglich gestern Abend vor den Kopf gestoßen hat.« Neugierig blinzelte sie zu Hannah hinüber. »Was hast du wieder angestellt?«

Hannah schüttelte widerwillig den Kopf. Sie hatte nicht die geringste Lust den gestrigen Abend vor Marina auszubreiten.

»Bitte, Hannah«, flüsterte ihre Freundin jetzt. »Er ist unglaublich nett und mein absoluter Traummann.«

Mal wieder der Traummann also. Hannah seufzte. Unter dem bettelnden Blick Marinas fühlte sie sich wie ein hypnotisiertes Kaninchen. Und eigentlich wollte sie ja mal die Wüste sehen. Ein Ausritt und eine Übernachtung darin war vielleicht doch ganz schön. Widerstrebend nickte sie und saß noch lange nachdenklich da, als Marina bereits auf der Liege eingeschlafen war.

Der Sandsturm

 

Zwei Tage später saß Targon an dem  Rand eines ausgetrockneten Flussbettes und schaute auf den gut zehn Meter tiefen Grund hinab. Seine Beine baumelten dabei in die Tiefe wie bei einem übermütigen Kind. Ähnlich beschwingt fühlte er sich auch tatsächlich bei dem Anblick, der sich unter ihm abspielte.

Hannah stand mit ihrer Freundin bei den Pferden. Beide lachten ausgelassen, während Hannah immer wieder geschmeidig über den felsigen Boden tanzte und lauthals ein Lied sang. Das holländische Pärchen machte sich einen Spaß daraus, den beiden einen Holzschuhtanz beizubringen, die sich mit Feuereifer darauf einließen. Bei  jeder Drehung schwangen Hannahs Haare wie eine rotbraune glänzende Flut um sie herum.

Marina klatschte in die Hände und tat es ihr nach. Doch auch, wenn sie sich in der Hotel-Disco noch so gekonnt an Romun heran geschlängelt hatte, fehlte ihr die natürliche Geschmeidigkeit, die Hannah besaß. Ihre Bewegungen wirkten steif und einstudiert, während Hannah impulsiv dem Klang und Rhythmus des Liedes folgte, das die Holländer lachend von sich gaben. Pure Lebensfreude, die ansteckend wie eine Krankheit war und die sich heimlich auch an ihn heranmachte, während er sie beobachtete. Targon konnte sich nicht dagegen wehren. Die Begegnungen mit Hannah waren seltsam intensiv. Jeder Lidschlag von ihr und jedes Wort, jede Bewegung zogen seine Blicke an und weckten eine Sehnsucht in ihm, die er so noch nicht gekannt hatte. Ein Lächeln von ihr wärmte sein Innerstes, wo dort so lange nur einstudierte Kälte geherrscht hatte. Doch die Wirkung von ihr war nicht gut für ihn.

Beinahe hätte er aufgeseufzt, was ihn nur noch mehr erschreckte. Das kam davon, dass er den ganzen Tag gezwungen gewesen war, neben ihr zu reiten und sich mit ihr zu unterhalten. Sie war zuerst schüchtern gewesen, aber dann war sie irgendwann aufgetaut und hatte von ihrem Hobby erzählt und damit jeden Zweifel beseitigt, dass sie nicht die Gesuchte sein sollte. Sie schrieb seit frühester Kindheit mit Leidenschaft Geschichten und träumte von der großen Schriftstellerkarriere. Es war seltsam, wie leicht sie zu finden gewesen war. 

Lautes Lachen drang zu ihm herauf. Die beiden Mädchen tanzten immer ausgelassener und wirbelten im Kreis umher, ohne auch nur zu ahnen, dass sie beobachtet wurden oder was ihnen noch bevorstand.

»Was tust du hier?«

Die barsche Stimme Romuns fuhr Targon wie Eis über den Kopf. Wie war es ihm möglich gewesen, sich unbemerkt an ihn heranzuschleichen? Und dass er geschlichen war, daran hatte Targon nicht den geringsten Zweifel, was die immer stärker werdende Kluft zwischen ihnen nur umso deutlicher machte.

»Ich passe auf unseren Fang auf«, entgegnete er kühl und hoffte, dass ihn sein Bruder nicht zu lange beobachtet hatte. War er so geblendet von Hannah, dass er seine Umgebung vollkommen aus dem Blick verlor?

»Du scheinst mir gefährlich weich zu werden, Targon. Was ist los mit dir? – Vielleicht sollte ich doch besser selbst Hannah nach Kylnavern bringen. Was meinst du, Bruder?«

»Wenn du meinst, dass es so besser ist, deine Pläne kurzfristig zu ändern …« Targon verstummte und erhob sich lässig. Auge in Auge stand er seinem Bruder gegenüber, der ihn mit hochgezogenen Augenbrauen und schmalem Mund kalt musterte. Wenn ihn Marina nur jetzt so gesehen hätte, der ganze Zauber wäre wie fortgewischt gewesen. Die menschenverachtende Art stand Romun so deutlich in die Miene geschrieben, dass er auch ein Banner hätte hochhalten können. »Du weißt, dass die meisten Verfolger sich auf deine Fersen setzen werden. Du gehst ein Risiko ein, sie doch noch unterwegs zu verlieren.«

Romun forschte in seinem Gesicht, dann lächelte er verhalten und schlug Targon auf die rechte Schulter.

»Du hast Recht. Ich verlasse mich auf deine Treue, Bruder.«

»Bis in den Tod, mein König«, antwortete Targon automatisch und neigte schnell den Kopf, um seine Augen zu verbergen. Wahrheit steht in den Augen, hatte Maruk ihn gelehrt. Ein geübter Leser konnte auch jede Lüge darin erkennen, und Romun war ein solcher.

»Kerim hat mir das Zeichen gegeben, dass er jetzt den Sturm rufen kann. Wir sollten uns nach unten begeben.« Romun streckte Targon die Hand entgegen, die dieser ergriff. »Auf dass wir uns wohlbehalten in Kylnavern wiedersehen.«

»Auf dass wir uns wiedersehen«, entgegnete Targon knapp. Romun nickte ihm zu und ging dann vor ihm her, eine günstige Stelle für den Abstieg suchend. Zwischen zwei großen Felsblöcken wandte sich ein ausgetretener Pfad hinab. Kleine schwarze Kothaufen verrieten, dass dieser Pfad von Ziegenhirten mit ihren Herden genutzt wurde, die in dieser kargen Gegend nach jeder winzigen Pflanze suchten. Geschickt lief Romun hinunter, Targon dicht auf den Fersen, der den ersten zaghaften Windstoß im Gesicht spürte. Kleine Steine lösten sich und kollerten vor ihnen den Pfad hinab wie Boten, die ihre Ankunft verkünden wollten. Hannah und Marina hatten aufgehört zu tanzen und sahen ihnen neugierig entgegen. Marinas Wangen nahmen einen zarten rosa Ton an, als sie ihre Augen auf Romun richtete. Sein Bruder schlüpfte glatt und problemlos wie ein Aal zurück in die Rolle des charmanten Urlaubers, der seine große Liebe gefunden hatte. Mit einem Lächeln, das tiefe Grübchen in eine Wange zauberte, breitete er seine Arme aus und schloss das glückliche Mädchen in eine Umarmung, die Targon eine Spur zu besitzergreifend erschien. Auch Hannah runzelte kurz die Stirn, sagte aber nichts, sondern zog sich langsam zu ihrem Pferd zurück. Dankbar rieb die kleine Stute ihre Stirn an ihrer Hand. Doch ein kurzer Windstoß fegte überraschend und heiß über den Boden und wirbelte Sand auf. Das Pferd riss erschrocken den Kopf hoch und wieherte. Wie zur Antwort gellte das Wiehern der anderen Tiere, die unruhig begannen auf der Stelle zu tänzeln.

»Wo kommt plötzlich der Wind her?« Marina kuschelte sich tiefer in die Arme Romuns, der mit zusammengekniffenen Augen in den blauen Himmel sah, als suchte er dort nach einer Erklärung.

»Vielleicht ein Sturm?« Targon trat zu Hannah, die ihren Kopf an den Hals ihres Reittieres gelegt hatte und ihm beruhigende Worte zuraunte.

»Allmächtiger«, hauchte sie und hob ihren Kopf. Mit großen Augen starrte sie erst ihn an und blickte dann das Flussbett suchend ab. »Und jetzt?«

»Nee, das kann nicht sein«, rief die Holländerin und griff erschrocken nach der Hand ihres Mannes.

Targon tat, als müsste er sich umsehen. Kerim kam mit weit ausholenden Schritten hinter der Kehre hervor, hinter der er verschwunden war, bevor Targon seinen luftigen Beobachtungsposten erklommen hatte. Aufgeregt wedelte er mit den Armen und schrie: »Schnell, schnell auf die Pferde. Wir können nicht hierbleiben. Ein Sandsturm kommt.«

Wie zur Bekräftigung seiner Worte tobte ein neuer Windstoß heran, der bereits Sand mit sich trug. Hannah hielt schützend ihre Hände vor das Gesicht. Marina schrie kurz auf, verstummte aber augenblicklich und presste ihren Mund fest zusammen, nachdem sie den ersten Schwall Sand abbekommen hatte. Targon spürte den heißen Atem im Gesicht und wechselte mit Romun einen schnellen Blick. Als sie die Pferde bestiegen, die unruhig vorwärtsdrängten, achteten sie sorgsam darauf, dass Kerim, zwischen ihnen ritt. Romun übernahm zusammen mit der leicht panischen Marina, die ihm die Zügel überlassen hatte und sich angstvoll in die Mähne ihres Pferdes krallte, die Spitze. Hinter ihnen folgte das andere Pärchen und Kerim und erst dann kamen er und Hannah, die zwar angespannt wirkte, aber nicht sonderlich verängstigt und verbissen ihr Pferd antrieb.

»Etwa fünfhundert Meter von hier befindet sich in der rechten Wand eine Höhle, wir müssen …«

Das Aufheulen des Sturmes entriss Kerim die Worte, der hektisch nach vorne zeigte, als hatte er wirklich vor, diese Höhle zu erreichen. Der Wind kam jetzt in immer heftiger werdenden Böen, die ihre Kleidung aufflattern ließen. Hannahs Haare wehten ihr ständig vor die Augen. Vergeblich wischte sie diese zur Seite, nur damit sie augenblicklich wieder zurückwehten. Kurzerhand ließ sie die Zügel fahren, griff sich geübt die Haare und band sich hastig einen Zopf. Einige wenige Strähnen tanzten jetzt vom Wind wie in einem Spiel  hin und her getrieben um ihren Kopf. Targon fühlte sich selbst von dieser einfachen und von der Situation völlig unbeeindruckten Geste in den Bann geschlagen.  Während Marina wie ein kümmerliches Bündel in ihrem Sattel hockte, hielt Hannah ihre Zügel fest in der Hand, beugte sich tief über den Hals der Stute und hatte ihren Blick konzentriert nach vorne gerichtet. Kurz warf sie einen Blick in seine Richtung, als spürte sie seine Aufmerksamkeit, dann rief sie etwas, das im Heulen des Sturmes ungehört versank. Der Wind trug immer mehr Sand mit sich, der wie ein Schwarm wütender  Bienen mit unzähligen kleinen nadelspitzen Stichen in ihre Haut schlug. Targon trieb jetzt seinerseits Radscham stärker an, um zu Hannah dichter aufzuschließen. Er beugte sich leicht zu ihr hinüber und ergriff den lose baumelnden Führstrick.

»Damit wir uns nicht verlieren!«, rief er gegen den Sturm an und wusste doch, dass sie ihn nicht verstehen konnte. Dennoch nickte Hannah zustimmend, sparte sich aber eine Antwort. Immerhin duldete sie, dass er den Strick fest in seiner Hand hielt. Gerade noch rechtzeitig.

Im gestreckten Galopp jagten sie alle vor dem Sturm her, als sich ein tiefes Brüllen hinter ihnen erhob, dass selbst ihm einen Schauer über den Rücken jagte. Hannah sah sich um und diesmal schrie auch sie. In ihren entsetzt aufgerissenen Augen spiegelte sich Dunkelheit, die sie verfolgte und zu verschlingen drohte. Targon verzichtete darauf, sich umzudrehen. Auch so wusste er genau, was sich in seinem Rücken abspielte.  Nicht zum ersten Mal ging er durch den Sturm. Wenn man einmal gesehen hatte, wie Himmel und Erde von einer Wand aus Sand verschlungen wurden und Tag und Nacht unter der Sturmes Dunkelheit zu nichts verschmolzen, vergaß man diesen Anblick nie wieder. Targon hasste Sand aus tiefstem Herzen und hätte jede andere Sturmart gewählt, aber Romun hatte so entschieden und er hatte diese Entscheidung nicht anzuzweifeln. Entschlossen packte er den Strick fester. Sand und Wind peitschte mit übernatürlicher Gewalt wie ein brüllendes Monster auf sie ein, packte sie und fiel mit seinen dornigen Krallen über sie her, um sie in seinen Schlund zu ziehen und zu verschlingen.

 

*

 

Hannah, also.

Blicklos starrte er auf die frischen Seiten. Die neue Feder hatte also endlich einen Namen. Doch noch mehr beschäftigten ihn die Zeilen über Targon und Romun.

Es war so lange her, dass er sie gesehen hatte. Sie waren damals gerade zehn gewesen. Klein noch, aber unverkennbar so unterschiedlich im Charakter wie ihr Äußeres.

Nachdenklich blätterte er zurück. Immer neue Seiten tauchten vor ihm auf, die vorher nicht da gewesen waren, gefüllt mit all den Geschehnissen seines langen Lebens. Das Auftauchen Hannahs hatte das Buch aus der Dunkelheit geholt, mit neuem Leben gefüllt und enthüllte das alte, das in den Seiten verborgen lag.

Hier und dort flog er über die Zeilen, bis er auf einer Seite hängen blieb. Es handelte sich um eine Beschreibung von Targon und Romun im Garten der Burg. Erstaunt runzelte er die Stirn und begann zu lesen:

 

 Die Königin schritt mit ihren Söhnen an der Spitze ihres kleinen Gefolges in den Garten der Burg und auf die kleine Fischerhütte zu, die am Rande des großen Sees lag. Der See erstreckte sich weit in den Garten hinein und verschwand irgendwo zwischen den Pflanzen, die ihre Äste und Blätter darüber streckten, als wollten sie ihn so vor ungebetenen Blicken verborgen halten.

Während die Königin sich den Fischern zuwandte, die auf sie zueilten, stürzten die beiden Jungen auf den See zu. Das füllige Kindermädchen watschelte ihnen hastig hinterher.

»Nicht so eilig, die jungen Herren. Auch hier wird von Ihnen erwartet, dass Sie nicht wie die wilde Jagd ins Wasser stürzen und die Fische vor Schreck sterben!« Ihre hohe Stimme ließ die beiden abrupt innehalten.

»Jawohl, Malita.« Beschämt antworten sie wie aus einem Mund.

Mit angespannten Mienen zwangen sich die Jungen dazu, ihre Kleidung langsam abzulegen und sorgfältig zusammen gefaltet auf den Boden zu stapeln. Dann sahen sie abwartend auf Malita, die streng auf sie herabblickte, dann aber zufrieden nickte.

»Jetzt dürfen Sie ins Wasser steigen, aber nicht springen, hören Sie? Sonst bekomme ich noch Schwierigkeiten.«

»Natürlich, Malita.« Targon strich seine schwarzen Haare zurück, die ihm in die Augen fielen und brachte eine formvollendete Verbeugung zustande, während er ein Lächeln auf sein Gesicht zauberte, das das Herz Malitas zum Schmelzen brachte.

»Wir werden es doch niemals riskieren, dich in Schwierigkeiten zu bringen.« Romun lächelte auf die gleiche Weise, doch lag ein Glitzern darin wie ein kleiner Hinweis darauf, dass mehr hinter seinen Worten lag.

Malita blickte sich um und ging dann auf eine steinerne Bank zu, die am Ufer stand. Zwei große Kokospalmen schenkten ihr Schatten und der süße Duft von Mandelbäumen in voller Blüte strich durch den Garten. Direkt neben den Mandelbäumen bedeckten Erdbeersträucher den Boden wie ein grünroter Teppich.

Unter den wachsamen Blicken zweier Wächter vergnügten sich die Jungen im See.

 

Verträumt hielt er im Lesen inne. Vor seinen Augen standen die beiden ungleichen Brüder. Romuns hellblonde Haare leuchteten dabei mit der Sonne um die Wette. Seine blauen Augen und seine helle Haut mit der schlanken Gestalt gaben ihm etwas Göttliches. Ganz anders Targon, der bereits jetzt einen muskulöseren Körper besaß und zudem mit seinen tiefschwarzen Haaren, seinen dunklen Augen sowie der leicht bronzenen Hautfarbe etwas Befremdliches an sich hatte. Böse Gerüchte gab es, dass so wie die Sonne aus Romun strahlte, die Dunkelheit in Targons Seele hausen musste. Andere behaupteten, er sei ein Wechselbalg aus einer anderen Welt und der wahre Targon würde dort gefangen gehalten werden. Wie leicht ließen sich die Menschen vom äußeren eines anderen blenden.

Er schnaubte verächtlich und las weiter:

 

Lautes Planschen und Gelächter erklang vom Ufer, wo die Jungen umher tollten.

»Du bist niemals so schnell, wie ich es bin. Venden trainiert nur mit mir und nicht mit dir.« Romun trat mit dem linken Fuß gegen das seichte Wasser und ein Schwall ergoss sich über seinen Bruder.

»Wir werden ja sehen, Romun.« Targon funkelte Romun angriffslustig an. Dieser sprang ansatzlos nach vorne und schwamm bereits so schnell er konnte durch den See. Targon fluchte leise und sprang hinterher.

Während die Bewegungen von Romun hektisch und planschend waren, schaufelte Targon in mühelosen Bewegungen das Wasser zur Seite. Es dauerte nicht lange, und er hatte seinen Bruder eingeholt. Für einen Moment verhielt Targon seine Züge, und Romun gewann wieder an Vorsprung, ohne etwas zu bemerken. Er wirbelte so viel Wasser um sich herum auf, dass er unmöglich seine Umgebung wahrnehmen konnte.

»Lass Romun gewinnen«, flüsterte das Kindermädchen Malita inbrünstig. Doch der Siegeswille war zu groß in Targon. Seine Bewegungen wurden schneller. Unaufhaltsam schob er sich an seinem Bruder vorbei und erreichte knapp vor ihm das gegenüberliegende Ufer.

»Du hast betrogen, Targon. Dein Sieg zählt nicht!« Schimpfend kämpfte sich Romun aus dem Wasser und ging direkt auf seinen Bruder los. Ehe Targon sich versah, lag Romun mit seinem gesamten Gewicht auf ihm und drückte seinen Kopf unter Wasser.

Augenblicklich setzten sich die Wächter in Bewegung, während selbst Malita hektisch in die gleiche Richtung lief.

Romun riss den Kopf Targons aus dem Wasser, der laut japsend nach Luft schnappte, bevor er erneut unter Wasser gedrückt wurde. Jetzt wurde auch die Königin auf das Geschehen aufmerksam und erhob sich von ihrem Platz.

Die Wächter erreichten gerade die Prinzen, als Romun ein drittes Mal den Kopf seines Bruders untertauchte. Der eine Wächter, ein klobiger Kerl, riss den Prinzen mit einem gewaltigen Ruck von seinem Bruder. Der Zweite, der noch nicht lange bei der Wache sein konnte, hob den halb bewusstlosen Targon aus dem Wasser. Im gleichen Augenblick erreichte Malita den Platz. Unsicher, was sie zuerst tun sollte, schaute sie zwischen den beiden Jungen hin und her. Da Romun lediglich verstockt vor sich hinstarrte, ging sie zu Targon, der hustend und weinend nach Luft rang. Resolut nahm sie ihm der Wache ab und schlang ihre Arme um ihn. Fest drückte sie den zitternden Jungen an sich und streichelte ihm sanft über den Rücken.

»So benimmt sich kein künftiger König!« Die Königin war unbemerkt zu der kleinen Gruppe gestoßen und wandte sich zuerst an Romun. Sie versetzte ihm eine schallende Ohrfeige, die seinen Kopf zur Seite warf. Augenblicklich brach auch er in Tränen aus.

»Malita, begleite Prinz Romun in seine Räume. Er erhält heute nur Wasser. Ich denke, dass er bis morgen früh ausreichend Gelegenheit haben sollte, um sich Gedanken darüber zu machen, was er falsch gemacht hat.«

Malita löste nur widerstrebend die Arme von Targon. Nickte aber eilfertig. Dann ergriff sie Romun bei der Hand, wickelte ihn in ein Tuch und verlies mit einem Wächter und dem Jungen den Garten.

Die Königin wandte sich unterdessen ihrem anderen Sohn zu, der immer noch tränenüberströmt war und ungewöhnlich blass unter seiner gebräunten Haut wirkte. Ungeachtet des Schlammes im Uferbereich kniete sie sich mit ihren kostbaren Gewändern vor Targon und zog ihn in ihre Arme. Sanft legte sie eine Hand an seinen Kopf und bettete ihn an ihrer Schulter.

»Beruhige dich, Targon. Es ist alles gut. Romun wusste nicht, was er tat.«

Targon nickte und entspannte sich in der schützenden Umarmung seiner Mutter.

Armonika schaute sich suchend um, und ihre blauen Augen blieben an Maruk hängen, der bisher unbeteiligt im Garten gesessen hatte, inzwischen jedoch ebenfalls näher gekommen war. Für einen flüchtigen Moment verengten sich ihre schönen Augen.

»Wir unterhalten uns später über deinen Sieg, Targon«, sagte sie sanft, dann wandte sie sich an Maruk:  »Begleitet Prinz Targon in seine Gemächer und sorgt dafür, dass Malita sich um ihn kümmert. Er soll sich von dem Schreck erholen. – Dann sorgt dafür,  dass niemand etwas von dem Vorfall erfährt.«

 

Müde rieb er sich über die Augen. Diese Geschichte war vollkommen neu für ihn. Deshalb waren damals einige der Wachen verschwunden. Maruk hatte ganze Arbeit geleistet. Ein leises Gefühl zog an seinem Inneren, von dem er nicht mehr geglaubt hatte, dass es noch in ihm existierte. Eifersucht!

Welche Ironie, dass er ausgerechnet immer noch Eifersucht auf gerade den Mann verspürte, dem er alles genommen hatte …

Nach dem Sturm

 

Als Hannah die Augen aufschlug, wusste sie einen verwirrend langen Moment nicht, was geschehen war. Panik jagte ihren Atem hoch, als sie das rotbraune Tuch bemerkte, das dicht und schwer auf ihrem Gesicht lag. Stocksteif lag sie da und wagte sich nicht zu rühren, aus lauter Angst, dass es nicht nur ein Tuch war, das ihr die Sicht versperrte, sondern sie unter einer Masse aus Sand begraben worden war. Mit einem Schlag kam die Erinnerung zurück. Der Sandsturm! Marina!

Hannah setzte sich ruckartig auf, das Tuch rutschte von ihrem Gesicht. Sand rieselte aus ihren Haaren und aus ihrer Kleidung. Kühle Nachtluft schlug ihr entgegen und streichelte über ihr vom Sandsturm gepeinigtes Gesicht. Beklommen stand sie auf und sah sich um, wobei sie sich den restlichen Sand von der Kleidung klopfte. Der Nachthimmel war voller Sterne und ein riesiger voller Mond beleuchtete gnädig die Dunkelheit um sie herum. Sie befand sich offensichtlich immer noch in dem ausgetrockneten Flussbett, aber sie war allein. In beiden Richtungen erstreckten sich die kahlen Wände, die sie wie Mauern umschlossen und gemeinsam mit dem Sturm aus ihrem beschaulichen Touristendasein gerissen hatten. Von Marina, den Männern  oder gar von den Pferden keine Spur.

»Marina?«, rief Hannah vorsichtig, als ob sie ihrer eigenen Stimme nicht traute, und lauschte dem Nachklang, der von den Wänden zurückgeworfen wurde und in der Nacht ungehört und unbeantwortet verklang. Eine Weile stand sie so da, lauschte der Stille und dem Schlagen ihres jagenden Herzens, das immer lauter in ihren Ohren klang und zu einem panischen Trommeln anschwoll.

»Marina!«, schrie sie diesmal so laut sie konnte.

»Wir haben sie verloren.« Die dunkle Stimme Targons schreckte sie auf, und sie wirbelte herum, starrte ihn an, wie ein Gespenst. Woher um Himmelswillen war er nur so plötzlich aufgetaucht?

»Was heißt das, wir haben sie verloren?«, fragte sie verwirrt und blickte in alle Richtungen, doch das Bild hatte sich nicht verändert. Sie war immer noch allein, wenn auch inzwischen in der Gesellschaft von Targon. Von der ihr im Augenblick allerdings nicht klar war, ob sie ihr willkommen sein sollte oder nicht.

»Vielleicht haben sie rechtzeitig diese Höhle erreicht, von der Kerim gesprochen hat.« Stur hielt sie ihm diese Möglichkeit vor, doch Targons Miene wirkte seltsam hart, und er schüttelte den Kopf.

»Das haben sie nicht«, antwortete er ruhig.

 Etwas lag in seiner Stimme, das Hannah aufhorchen ließ. Wie konnte er sich da so sicher sein? Unsicher wich sie einen Schritt zurück. Erst jetzt bemerkte sie, dass er verändert aussah. Er trug zwar immer noch die schwarze Jeans und das weiße Hemd, aber an seinen Unterarmen befanden sich zwei lange Ledermanschetten, in denen etwas steckte. - Waren das Messergriffe, die daraus hervorschauten?  Um seine Hüfte trug er einen breiten Gürtel mit einem Schwert. Unbewusst hielt sie den Atem an und versuchte nicht darauf zu achten, dass ihr Pulsschlag wieder hysterisch nach oben schnellte.Targon begegnete ruhig ihrem forschenden Blick, als wäre es das Natürlichste auf der ganzen Welt mit einem derartigen Waffenarsenal durch die Gegend zu laufen. Seine Augen glänzten unheimlich, angestrahlt von den Sternen am klaren Nachthimmel. Es war beinahe so wie an dem Abend im Hotel und doch so völlig anders. So anziehend sie ihr dort vorgekommen waren, so gefährlich wirkten sie mit einem Mal jetzt auf sie.

Hannah schauderte und spürte, wie sich ihre Nackenhaare alarmiert aufrichteten. Targon machte ihr Angst, und die Tatsache, dass Marina und sie sich auf diesen Ausflug eingelassen hatten, kam ihr mit einem Mal völlig idiotisch vor. Plötzlich wusste sie sicher, dass dies alles hier kein Zufall war. Sie wich weiter vor ihm zurück, obwohl sie wusste, dass ihr das auch nicht weiterhelfen würde. Targon beobachtete sie weiterhin ruhig und verschränkte die Arme vor der breiten Brust, aber folgte ihr nicht.

»Wieso bist du dir so sicher, dass sie nicht in dieser Höhle sind? Wie kannst du das wissen?«, fragte sie, nur um etwas zu sagen.

»Weil es hier keine Höhle gibt, in der sie sich verkriechen könnten.«

Er sagte es mit einer gelassenen Bestimmtheit, die ihr den Boden unter den Füßen wegriss.

»Woher weißt du das?«, stammelte sie.

»Weil sie nicht vorhatten, in eine Höhle zu flüchten. Zumindest Romun und Kerim nicht.«

Hannah keuchte auf. Langsam ließ sie sich in den Sand gleiten, der immer noch heiß war. Ihre Beine waren plötzlich weich und trugen einfach nicht mehr ihr Gewicht. Marina! Der Name war purer Schmerz. Warum hatten sie sich auf diesen Ausritt eingelassen? Sie hatte auf ihren Instinkt hören sollen, statt sich von dem liebestollen Geplapper ihrer Freundin einlullen zu lassen. Fröstelnd legte sie die Arme um sich.

»Wo ist Marina? Und was hast du und dein Bruder, falls es überhaupt dein Bruder ist, mit uns vor?« Ihre Stimme war erschreckend dünn, und sie wollte ihn nicht ansehen, aber sie wollte auch nicht den Eindruck erwecken, dass er leichtes Spiel mit ihr hatte. Also rappelte sie sich wieder auf, hob ihr Kinn und funkelte ihn trotzig an.

Targon ließ die Arme sinken und kam bedächtig einen Schritt näher.

»Du frierst. Ich werde uns ein Feuer machen. In der Wüste wird es nachts empfindlich kalt.«

»Wo ist Marina und was habt ihr mit uns vor?«, wiederholte sie stoisch ihre Frage.

Targon ignorierte sie und bückte sich. Erst jetzt sah sie, dass dort bereits ein kleiner Haufen aufgeschichtet war. Es war kein Holz, woher hätte das hier auch kommen sollen, aber es interessierte sie auch nicht weiter, woraus er das Feuer zauberte. Targon nahm gleichmütig etwas aus einem Lederbeutel, der an seinem Gürtel hing – war der vor dem Sturm schon dort gewesen? – und schlug es gegeneinander. Funken stoben auf. Etwas glühte auf. Targon blies vorsichtig auf den schwach glimmenden Punkt, dann legte er etwas dazu und blies erneut. Fasziniert beobachtete Hannah, wie schnell ein Feuer aufloderte. Eilig rückte sie näher und war jetzt doch dankbar für die Wärme, die schnell auf sie übersprang, aber doch nicht ihr Herz wärmte. Dennoch hatte sie ihre Frage nicht vergessen, die ihr mehr als alles andere auf der Seele brannte.

»Wo ist Ma …«

»Sie ist mit meinem Bruder unterwegs nach Kylnavern. Das ist unser Zuhause«,  unterbrach er sie. Targon richtete sich wieder auf.

Wo war nur die Wärme in diesen wunderschönen Augen geblieben? Hannah musste den Kopf in den Nacken legen, um ihn anzusehen, und kam sich mit einen mal unendlich klein und wehrlos vor.

»Und dorthin werde ich dich auch bringen. Dort wartet eine Aufgabe auf dich.«

Hannah fror. Es war eiskalt, trotz des Feuers, an dem sie jetzt so dicht herangerückt war, dass es bereits unangenehm auf ihrer Haut brannte. Eine Aufgabe? Ihre Wangen erhitzten sich, und sie starrte ihn nur stumm an, unfähig etwas zu erwidern. Sie verabscheute sich dafür.

»Ihr habt das alles hier geplant, um uns zu entführen«, stellte sie nach einer geraumen Weile fest.

»Das bringt es ziemlich genau auf den Punkt«, entgegnete Targon gelassen und setzte sich nun ebenfalls an das Feuer.

»Warum? Was ist das für eine Aufgabe? Verschachert ihr uns an irgendeinen Harem?« Ihre Stimme zitterte leicht, und sie hasste sich dafür, diese Schwäche zu zeigen.

»Das wirst du an unserem Ziel erfahren. Es steht mir nicht zu, dich aufzuklären. Aber ich kann dich immerhin beruhigen, dass kein Harem auf dich oder Marina wartet.« Bei den letzten Worten verzog er die Lippen zu einem amüsierten Lächeln, das sie wütend machte. Hilflos ballte sie die Hände.

Ein leichter Wind strich über ihr Lager hinweg. Die Flammen loderten auf und Funken stoben in den Himmel davon, als wollten sie einen Platz zwischen den Sternen einnehmen. Targon schloss die Augen und lehnte sich entspannt an einen Felsen. Das Feuer ließ sein Gesicht dunkelrot aufleuchten und verlieh ihm für einen flüchtigen Moment etwas Diabolisches.

Unschlüssig, was sie tun konnte oder sollte, saß Hannah da und beobachtete ihn. Mit jedem ruhigen Atemzug, den er tat, spürte sie Hass in sich aufsteigen, der ihre Angst in den Hintergrund schob. Wie konnte er die Frechheit besitzen und die Augen schließen. Hatte er keine Angst, dass sie versuchen konnte zu fliehen?

Aber wohin sollte sie fliehen? Ratlos fuhr sie mit den Händen über den Boden und stieß gegen einen Stein. Er war etwa doppelt so groß wie ihre Faust. Vorsichtig warf sie einen Blick auf Targon, der inzwischen zu schlafen schien. Voller Grimm umschlossen ihre Finger den Stein, der immer noch die Wärme des Tages versprühte. Ein einziger gut gezielter Schlag auf den Kopf und Targon würde lange genug schlafen, um ihr die Gelegenheit zur Flucht zu geben. Entschlossen wog sie den Stein in ihrer Hand und taxierte die Entfernung. Sie war eine gute Werferin, die Entfernung war nicht wirklich groß und das Ziel gut beleuchtet vom Schein des Feuers.

»Das würde ich nicht tun.«

Hannah erstarrte. Der kleine Stein war plötzlich schwer wie ein Felsen, der ihre Hand bewegungsunfähig zu Boden drückte.

Targon hatte die Augen geöffnet und sah sie mit mildem Tadel an.

»Du würdest keine Stunde ohne mich überleben.«

»Was kann schon so schwierig sein? Der Weg hierher war nicht dramatisch aufregend, weißt du? Ich habe schon immer einen guten Orientierungssinn gehabt. Wenn ich nicht ganz falsch liege, sind wir doch fast ausschließlich nach Süden geritten. Also reite ich bei Morgengrauen einfach aus dem Flussbett heraus und nehme den gleichen Weg wieder zurück.«

»Es gibt für dich keinen Weg zurück.«

Hannah schluckte. So, wie er es sagte, klang es wie eine Tatsache, wie eine zutiefst beunruhigende noch dazu; wenn ihr auch das leichte Mitgefühl in seiner Stimme nicht verborgen blieb. Aber warum sollte er ein schlechtes Gewissen haben? Sicher war das hier nicht seine erste Entführung. Dafür war alles zu geschickt eingefädelt gewesen.

Kraftlos öffnete Hannah ihre Hand und ließ den Stein über den Boden rollen, der nach wenigen Zentimetern liegenblieb. Er konnte genauso wenig aus eigener Kraft fort, wie sie selbst. Kein Weg zurück! Die Worte hallten durch ihren Kopf und hinterließen doch nicht viel mehr als Ratlosigkeit und Leere. Kein Schrei füllte ihre Lungen und keine Tränen ihre Augen. Sie saß einfach da und konnte nicht fassen, was das Ausmaß dieser Worte ihr sagen sollte. Dennoch, spätestens morgen Abend würden Amira und Emma sich Sorgen machen.

»Das ist doch Wahnsinn!«, sagte sie daher. »Unsere Freundinnen werden uns als vermisst melden. Amiras Onkel wird die Polizei alarmieren. Du solltest mich zurückbringen, bevor sie uns finden und dich gefangen nehmen. Ein Aufenthalt in den Gefängnissen hier ist bestimmt nicht sonderlich angenehm.«

»Sie können uns nicht finden.« Jetzt lächelte er, doch plötzlich richtete sich Targon auf. Wäre er ein Tier gewesen, hätte er wahrscheinlich die Ohren gespitzt und geknurrt. Doch so ging eine sichtbare Anspannung durch seinen Körper. Aufmerksam legte er den Kopf auf die Seite und lauschte in die Dunkelheit, in der sie nichts außer dem leisen Prasseln und Knistern des Feuers wahrnahm. Doch irgendetwas schien Targon zu beunruhigen. Demonstrativ legte er einen Finger über seine Lippen, während er vollkommen lautlos aufstand und zu ihr herüberkam. Augenblicklich klopfte ihr Herz warnend, und Angst machte sich in ihr breit. Was hatte er vor? Vielleicht war bereits ein Suchtrupp unterwegs, der nach Marina und ihr fahndete? Vielleicht hatte man den Sandsturm auch im Hotel bemerkt? Dann lag die Wahrscheinlichkeit nah, dass man doch nach ihnen suchte. Doch noch bevor sie den Mund zu einem Schrei öffnen konnte, war Targon bei ihr und verschloss ihr – woher hatte der Mistkerl das geahnt? – den Mund mit seiner großen Hand, die nach Schweiß und Staub schmeckte.

»Wenn du auch nur einen Funken Verstand hast und an deinem Leben hängst, gibst du keinen Mucks von dir!«, zischte er direkt an ihrem Ohr. Ein eiskalter Schauer ging auf ihrer Kopfhaut nieder und lief über ihren Rücken hinunter. Himmel! Erst die Freiheit, dann das Leben?

»Ich nehme die Hand gleich wieder weg und werde nach dem Rechten sehen. Du versteckst dich dort drüben zwischen dem Felsen und der Flusswand. Sollte ich nicht mehr zurückkehren, bleib dennoch dort. Man wird dich dort finden und in Sicherheit bringen. – Wenn du mich verstanden hast, dann nicke jetzt.«

Wie ein Blitz huschte der Gedanke durch ihren Kopf, ihm einfach in die Hand zu beißen. Doch so schnell wie er aufgetaucht war, so schnell war Hannah bewusst, dass es eine blöde Idee war, solange sie nicht wusste, warum er so vorsichtig war. Entschlossen, die erste beste Gelegenheit zur Flucht zu nutzen, wenn er nach dem Rechten sah, nickte sie. Beschämt bemerkte sie dabei, dass seine Handinnenfläche nass von ihrem Sabber war.

»Gut«, sagte er, löste die Hand und war gleich darauf in der Dunkelheit verschwunden wie ein Schatten, der einfach nur dorthin zurückkehrte, wo er naturgemäß auch hingehörte.

Dankbar atmete Hannah die frische Luft ein und wischte sich mit dem Hemdsärmel über die Lippen. Doch den staubigen Geschmack, den seine Hand hinterlassen hatte, wurde sie so nicht los. Sie musste dringend etwas trinken. Die Wasserflasche befand sich an ihrem Sattel, und sie hatte nicht die geringste Ahnung, wo die Pferde waren. Verdammt!

Wütend, aber vorsichtig in alle Richtungen spähend, ohne, dass sie wirklich etwas außer in ihrer unmittelbaren Umgebung wahrnahm, ging sie langsam zu dem Felsen hinüber. Als sie sich in den Spalt zwischen Felsen und Flusswand schob, hoben sich zwei dunkle Köpfe, die ihr neugierig entgegensahen. Darauf hätte sie auch alleine kommen können, dass er die Pferde bereits hier versteckt hatte. Erleichtert darüber, nicht mehr völlig alleine zu sein, tätschelte sie die beiden Tiere und kramte die Wasserflasche hervor, aus der sie nur wenige Schlucke nahm, um nicht zu viel von dem Wasser zu vergeuden. Dann ging sie zu Radscham und durchwühlte die Satteltaschen. Sie fand zwei weitere gut gefüllte Wasserflaschen, die sie zufrieden in ihrer eigenen verstaute. Entschlossen ergriff sie die Zügel der kleinen Stute und führte sie aus dem Spalt heraus. Sie würde jetzt nach Hause reiten. Es gab immer einen Weg zurück. Und wenn sie das Hotel erreichte, würde sie als aller erstes einen Suchtrupp für Marina organisieren.

Überzeugt von der Durchführbarkeit ihres Plans, schwang sie sich in den Sattel. Ohne einen Blick darauf zu verschwenden, ob Targon sie vielleicht beobachtete, trieb sie die Stute Kimon an. Ihr Mut war nur begrenzt, und wenn er jetzt vor sie trat, wusste sie nicht, ob sie ihn nicht ganz verlor. Mit einem Schnalzen bohrte sie ihrem Reittier die Fersen in die Seiten, das verwirrt lostrabte. Eigentlich hatte sie vorgehabt, aus dem Stand los zu galoppieren, aber die Stute war offensichtlich klüger als sie selbst und wählte einen Trott, in dem sie nicht Gefahr lief, in der Dunkelheit zu stolpern.

Nervös kaute Hannah auf ihrer Unterlippe herum und trieb das Pferd verbissen weiter. Die Situation brachte sie an ihre Grenzen. Ihr Puls hämmerte in ihren Schläfen, als wäre diese Flucht eine kaum bezwingbare Anstrengung. Doch mit jedem Schritt, den sie sich von dem Feuer entfernten, beruhigte sich das Pochen, und ihre Hoffnung wuchs, wirklich damit durchzukommen.

Ein schriller Pfiff schoss durch die Nacht, zerschnitt wie ein Pfeil das dünnen Tuch, aus dem ihre Hoffnung gewebt war. Ein Schatten löste sich aus der schwarzen Masse, die um sie herum herrschte und nicht länger von dem Lagerfeuer durchbrochen wurde, gefolgt von anderen. Instinktiv trat Hannah zu, und der erste Schatten stolperte mit einem überraschten Laut zurück. Ihr Pferd wieherte erschrocken auf und stieg, doch eine eiserne Hand ergriff den Zügel und zwang Kimon auf den Boden zurück. Ein Schlag explodierte in Hannahs Seite, der sie aus dem Sattel warf.

»Nein!«, schrie sie und wimmerte auf, als der Aufprall auf dem erstaunlich harten Wüstenboden ihr den Atem stahl. Noch ehe sie wieder zu Atem kam, wurde sie an ihren Haaren nach oben gerissen. Tränen schossen in ihre Augen. Hilflos hing sie in dem Griff und wurde erneut zu Boden geworfen. Panisch bedeckte sie ihren Kopf mit beiden Händen und krümmte sich zusammen, als ob sie sich so vor den Angreifern verbergen konnte.

Im Licht der Sterne blitzte eine Metallklinge auf, die durch die Nacht tanzte wie ein Irrlicht. Und auch ohne, dass sie den neuen Schatten ernsthaft von den anderen unterscheiden konnte, wusste sie, dass es nur Targon sein konnte. Der Tanz der Klinge war nicht ziellos. Jede Bewegung verschmolz zu einem tödlichen Versprechen. Schatten und Metall fügten sich in einen bizarren Reigen aus Eleganz und Tod, unterbrochen von dem Klirren der aufeinanderprallenden Schwerter, dem Stöhnen der Getroffenen und dem dumpfen Aufprall von leblosen Körpern auf dem Boden.

Alles spielte sich unglaublich schnell ab. Nachdem der dritte Angreifer zu Boden stürzte, ergriff der Rest die Flucht. Ehe sie begriff, dass der Kampf vorbei war, wurde sie erneut hochgerissen. Doch diesmal schloss sich eine eiserne Klammer um ihren Oberarm und drückte ihn so schmerzhaft zusammen, dass sie aufstöhnte.

»Wie kannst du nur so dumm sein?« Targons Stimme bebte vor unterdrücktem Zorn. Heiße Wut loderte mit seinem Atem durch ihr Gesicht wie der feurige Atem eines Drachen. »Was genau, verstehst du nicht an den Worten, wenn du an deinem Leben hängst?«

»Was verstehst du nicht an dem Wunsch, vor einem Entführer zu fliehen?« Der Schrecken des Kampfes war vergessen. Trotzig schüttelte Hannah Targons Hand ab und rieb sich die schmerzende Stelle. An die blauen Flecke wollte sie gar nicht denken.

»Diese Männer wollten dich tot sehen, Hannah. Wenn ich nicht an deine Dummheit geglaubt und dir gefolgt wäre, wärest du jetzt tot.«

»Oh?« Hannah spielte übertriebenes Erstaunen vor. »Dann hätten sie dir dein kleines mieses Geschäft wohl kaputt gemacht?«

»Du hast nicht die geringste Ahnung, worum es hier geht. – Es sind noch mehr Angreifer hier. Ich bringe dich jetzt zu den Felsen zurück und diesmal bleibst du dort und wartest.«

Damit ergriff er ihre Hand und zog sie ähnlich wie einen störrischen Esel zusammen mit der Stute am Zügel hinter sich her. Ohne ein weiteres Wort an sie zu verschwenden, schob er sie in den Spalt und verschwand wieder. Hannahs Trotz zersprang wie eine Seifenblase. Müde und erschöpft lehnte sie sich an die Felswand, die sich scharfkantig in ihren Rücken bohrte. Dennoch verharrte sie so und lauschte in die Nacht hinaus. Diesmal hörte sie überall Geräusche, die sich nicht identifizieren konnte. Noch mehr Angreifer? Woher wusste er das und wieso sollten sie ihren Tod wollen? Sie kannten sie doch gar nicht. Der kühle Nachtwind trug ein leises Klirren zu ihr herüber. Augenblicklich löste sie sich von dem Felsen und wich weiter in den Spalt zurück, drängte sich zwischen die beiden Pferde, als konnten sie sie vor dem beschützen, was da draußen auf sie lauerte.

Eine gefühlte Ewigkeit später kam Targon schweratmend zu ihr zurück. Die schwarzen Haare klebten wie Schlingpflanzen an seinem verschwitzten Gesicht und nahmen es in ihren Besitz. Mit einer Bewegung seines Unterarms wischte er sie fort. Dabei hielt er immer noch sein Schwert in der Hand, das feucht in dem flackernden Schein des Lagerfeuers aufglänzte. Hannah schluckte unwillkürlich. Nicht nur, dass Targon wie ein Krieger aus einer längst vergangenen Zeit aussah, auch der feuchte Schimmer auf seinem Schwert, der von dem Blut ihrer Angreifer herrührte, gab ihr das Gefühl mitten in einem Alptraum zu stecken. Ihre Kehle schwoll unangenehm zu. Hastig griff sie nach der Wasserflasche und trank daraus. Targon wirkte erschöpft und stemmte das Schwert auf dem Boden. Blut lief an der Klinge herunter und tropfte zäh in den sandigen Untergrund, wo es kleine Vertiefungen hinterließ. Ein roter Regen, der Leben genommen hatte und kein Neues brachte. Dann kniete er vor Hannah nieder und forschte in ihrem Gesicht. In seinen dunklen Augen lag etwas, das sie nicht greifen konnte, sie aber seltsam berührte.

»Geht es dir gut? Bist du verletzt? Ich hätte dich vorhin schon danach fragen sollen«, sagte er besorgt.

Hannah schnaubte wütend und schüttelte dann den Kopf.

»Interessiert dich das wirklich? Hat es dich interessiert, ob mir etwas zustoßen könnte, als du mich entführt hast?«

»Es interessiert mich, weil ich dich gesund abliefern muss«, antwortete er mit schmalen Augen, in denen die Sorge wie fortgewischt war. Targon erhob sich steif und ging zu dem schwachen Feuer, in das er ein knorriges Stück Holz warf, das er doch irgendwo gefunden haben musste. Gierig stürzten sich die Flammen darauf. Augenblicklich erfüllte trockenes Knistern die Luft. Dann ging er zu seinem Pferd und kramte aus den Satteltaschen zwei Päckchen hervor. Eins warf er Hannah zu, die es geschickt auffing. Kurz flackerte Schmerz in seiner Miene auf. Doch der Ausdruck war so flüchtig, dass Hannah ihm keine weitere Beachtung schenkte. Auch Targon schien beschlossen haben, sie zu ignorieren, denn er setzte sich auf seine Decke ans Feuer, wobei er ihr demonstrativ den Rücken zukehrte.

Sollte er ruhig beleidigt sein. Schließlich hatte sie nur die Wahrheit gesagt. Wenn sie an die letzten Stunden zurückdachte, stellten sich ihre Nackenhaare auf. Was mochte aus Marina geworden sein und aus Romun? Oder aus dem holländischen Paar? Waren sie auch Opfer dieser Entführung oder womöglich Komplizen gewesen? Unwillig betrachtete sie das Päckchen in ihrer Hand. Ihr Magen knurrte mit Nachdruck. Entschlossen öffnete sie es. Zwei dicke Brotscheiben kamen zum Vorschein, die mit einem stattlichen Stück Käse belegt waren. Augenblicklich lief ihr das Wasser im Mund zusammen, auch wenn sie die Mahlzeit an unzählige Bücher erinnerte, in denen ihre meist mittelalterlichen Helden genau so etwas gegessen hatten. Als sie hinein biss, musste sie zugeben, dass es im Augenblick nichts Großartigeres hätte geben können. Es schmeckte köstlich, und ihre Übelkeit von vorhin war vergessen. Stattdessen kroch die Kälte aus der Nacht auf sie zu, und sie fröstelte.

Das Feuer ist nicht weit, flüsterte eine spöttische Stimme in ihrem Hinterkopf. Aber dort saß bereits Targon, dem sie eigentlich aus dem Weg gehen wollte, soweit dies in der jetzigen Situation überhaupt möglich war. Sie hob die Decke auf, die im Trubel des Kampfes heruntergefallen war. Zur Sicherheit schlug sie die Decke aus, bevor sie diese um die Schultern legte. Doch die Decke war dünn und wärmte sie nicht. Inzwischen zitterte sie. Selbst ihre Zähne schlugen leise aufeinander, ohne dass sie es verhindern konnte. Widerstrebend stand Hannah auf und suchte sich auf der anderen Seite des Lagerfeuers einen Platz. Augenblicklich hieß sie eine freundliche Wärme willkommen. Voller Genuss schloss sie die Augen, was ihr gleichzeitig den Anblick Targons ersparte. Doch lange hielt sie es so nicht aus. Vorsichtig spähte Hannah unter halb gesenkten Lidern zu ihm hinüber.

Er saß genau so auf seinem Platz, wie er sich hingesetzt hatte, und starrte scheinbar abwesend ins Feuer. Inzwischen war es ihr jedoch durchaus bewusst, dass Targon trotzdem aufmerksam auf seine Umgebung achtete; jederzeit bereit nach seinen Waffen zu greifen. Ein neuerliches Frösteln lief ihren Rücken herunter, was nicht von der Kälte herrührte. Was mochte er für ein Mann sein, was für ein Leben führen? Das Bild des Kriegers schien gar nicht so verkehrt zu sein. Nie zuvor hatte sie jemanden so kämpfen sehen, außer in Filmen. Und doch hatte er sich in dem Hotel bewegt, wie ein normaler Tourist. Wieder stieg Wut in ihr auf, wenn sie daran dachte, wie unschuldig er im Hotel getan hatte. Freundlich hatte er sie angelächelt. All das war nur eine berechnende Maske gewesen. Warum ausgerechnet sie? Warum nicht jemand anderes? War sie so naiv erschienen, dass er geglaubt hatte, mit ihr leichtes Spiel zu haben? Mit fest zusammengebissen Zähen ballte sie ihre Fäuste. Der Erfolg gab ihm Recht, sie war schließlich hier.

Hannah versuchte, sich zu entspannen, aber ihre Hände zitterten, und so grub sie diese in die dünne Decke. Um sie herum herrschte tiefschwarze Nacht. Ihr war trotz Feuer erbärmlich kalt, und der Hunger wütete jetzt erst recht in ihrem Magen. Die Situation zerrte empfindlich an ihren Nerven und jeder einzelne Muskel war so verspannt, dass es schmerzte.

Ein Knacken ließ sie erschrocken aufspringen und panisch in die Richtung starren, aus der das Geräusch gekommen war. Jetzt zitterte sie am ganzen Körper. Die Panik hatte sie fest in ihrem Griff.

»Verdammt!«, fluchte sie leise und blinzelte heftig, um die Tränen zurückzudrängen, die mit aller Gewalt in ihre Augen strömten.

»Es war nur ein Tier«, erklang Targons dunkle Stimme merkwürdig angestrengt.

Hannah fragte sich, wo sein beiläufiger Tonfall geblieben war. Ein Rascheln und leises Stöhnen verrieten ihr, dass Targon ungewöhnlich laut aufstand.  Stur blieb sie stehen. Sie würde sich nicht nach ihm umdrehen.

»Ich denke, wir brauchen heute Nacht keinen weiteren Angriff zu fürchten«, sagte er leise, als er neben sie trat.

Heute Nacht? Hannah nickte verkrampft. Was war mit Morgen? Oder danach? Wer waren die Angreifer überhaupt gewesen, und was hatten sie gewollt? Sie sah ja nicht gerade danach aus, als führte sie viel Geld mit sich. Targon räusperte sich und stöhnte wieder leise. Überrascht sah sie ihn nun doch an. Erst jetzt kam ihr der Gedanke, dass er womöglich verletzt worden sein konnte. Targon begegnete ihrem Blick ruhig und lächelte diesmal ohne Spott. Stattdessen war er verdächtig blass um die Nase. Hannahs Blick wanderte von seinem Gesicht nach unten und blieb an einem dunkeln Fleck an seiner Seite hängen.

»Oh mein Gott! Du bist verletzt«, schrie sie entsetzt auf.  Was war sie für ein Esel? Es hätte ihr doch auffallen müssen! Vorsichtig griff sie nach dem Hemd und öffnete es. Targon ließ es geschehen und sah sie unentwegt dabei an. Vorsichtig ergriff sie ein zusammengefaltetes Tuch, das in dem Hemd steckte, und zog es heraus. Unwillkürlich hielt Hannah erschrocken den Atem an, als sie das schwarze Blut sah, das langsam aus einer Wunde sickerte und über die festen Muskeln auf seinem Bauch lief.

»Darf ich mich erst setzen, bevor du an mir herum fummelst und alles nur noch schlimmer machst? – Die Wunde ist nicht tief, nur unangenehm.«

Hannah vergaß völlig ihre Angst. Am liebsten hätte sie ihm jetzt einen kräftigen Stoß gegen die Wunde verpasst, damit er seinen Spott endlich einmal schluckte.

»Bitte, setz dich ans Feuer, wenn du so ein Weichei bist«, entgegnete sie stattdessen nur spitz.

Mit einem leisen Lachen hockte er sich an das Feuer und schloss die Augen, während sich Hannah neben ihn kniete und das Hemd ganz beiseiteschob, um die Wunde freizulegen. Dabei fiel ihr Blick auf die Anordnung einiger Narben, die sich in seiner rechten Brust befanden. Nur mühsam widerstand sie der Versuchung, sie zu berühren. Woher sie stammen mochten? Doch das ging sie nichts an und gehörte zu seinem seltsamen Leben, das er offensichtlich führte. Sie sollte sich besser auf die Versorgung der neuen Wunde konzentrieren. Eigentlich hatte sie nicht wirklich eine Ahnung, was sie tun sollte. Die Wunde zu säubern und die Blutung zu stillen, schienen ihr erst einmal eine gute Idee zu sein. Angestrengt suchte sie in ihrer Erinnerung. Warum hatte sie nur in diesem lästigen Erste-Hilfe-Kurs nicht richtig aufgepasst?

»Hast du Verbandsmaterial dabei? Jod oder so etwas?«, fragte sie. »Wenn ich dich so sehe, hattest du so eine Begegnung nicht zum ersten Mal. Man sollte also meinen, dass du darauf vorbereitet bist.«

Diesmal lachte Targon laut auf und schüttelte den Kopf, dass die Haare ihm ins Gesicht fielen.

»Nein, ich rechne nicht ständig damit, dass mir jemand nach dem Leben trachtet. Ich habe nichts dergleichen dabei. Nimm mein Tuch und verbinde die Wunde damit notdürftig. Morgen Mittag sollten wir unser Ziel erreichen. Bis dahin komme ich klar. Die Wundärzte werden sich dann um mich kümmern.«

»Wundärzte?  Das klingt irgendwie nach finsterem Mittelalter. Was genau ist unser Ziel?«

»Das wirst du noch früh genug erfahren«, antwortete er knapp und sah sie abweisend an.

Was hatte sie erwartet? Er war ein Entführer, sonst nichts. Er konnte nicht nett sein, auch wenn das seltsame Flattern in ihrem Bauch immer wieder etwas anderes zu erzählen versuchte. Vielleicht konnte sie ihn davon überzeugen, sie wieder zurückzubringen, wenn sie ihm jetzt mit der Wunde behilflich war. Entschlossen packte sie ihre Bluse am unteren Saum und riss daran. Doch so einfach, wie es in Filmen gezeigt wurde, war es nicht. Verärgert hielt sie Targon auffordernd eine Hand hin.

»Los, gib mir ein Messer, damit ich ein Stück Stoff abtrennen kann.«

Ohne ein Wort reichte er ihr einen kleinen Dolch, den er mit einer geschickten Bewegung seiner Hand aus der Unterarmmanschette direkt in die offene Handfläche gleiten ließ. Hannah wog ihn kurz in der Hand. Für einen Moment überlegte sie ernsthaft, die Waffe gegen Targon zu richten. Doch ein Blick in seine aufmerksamen Augen überzeugte sie davon, es besser bleiben zu lassen. Wenn man mit einem Messer nicht umgehen konnte, machte man es nur zu einer Waffe für den Gegner, hatte ihr Vater immer gesagt. Und dass Targon ihr die Waffe mit Leichtigkeit wieder abnehmen konnte, daran gab es ohnehin nicht den geringsten Zweifel.

Entschlossen schnitt sie mit der überraschend scharfen Klinge in den Stoff, der bereitwillig nachgab, als hätte er Angst vor der Waffe. Mit einem lauten Reißen trennte sie einen langen Fetzen ab und steckte sich den Dolch einfach in den Hosenbund. Vielleicht hatte sie Glück und Targon hatte nichts davon bemerkt. Hastig griff sie dann nach der Wasserflasche und goss eine wenig von dem Inhalt auf die Wunde. Beinahe genoss sie es, wie Targon zischend den Atem ausstieß und seine ansehnlichen Muskeln anspannte. Sollte er ruhig Schmerzen haben. Das geschah ihm nur Recht. Trotzdem tupfte sie anschließend behutsam die Wunde mit dem Stofffetzen ab, sorgfältig darum bemüht, ihm keine weiteren Schmerzen zuzufügen. Erst jetzt konnte sie die Wunde im flackernden Licht des Lagerfeuers betrachten. Ein langer Schnitt zog sich über seine rechte Seite. Die Ränder waren glatt. Nur wenig Blut sickerte nach, sodass Hannah erleichtert aufatmete. Targon schien Recht zu haben. Die Wunde sah wirklich nicht sehr gefährlich aus, er hatte Glück gehabt. Ein einfacher Verband würde erst einmal ausreichen, um sie vor Schmutz zu schützen. Sie nahm den Dolch und trennte, diesmal geschickter als beim ersten Mal, ein weiteres Stück von ihrer Bluse ab, das sie zusammenfaltete und über den Einstich legte. Blut tropfte auf ihre Hand, doch sie bemerkte es kaum. Wieder steckte sie den Dolch hastig zurück, bevor Targon etwas merken konnte. Als sie nach dem Tuch griff, löste sich von ihrer Hand plötzlich ein feiner, schwarzer Schleier, der jede ihrer Bewegungen schwebend nachvollzog, bevor er nach wenigen Lidschlägen auseinander faserte und sich in der Dunkelheit verlor, als wäre er nie da gewesen. Irritiert blickte Hannah um sich. Was war das gewesen? Targon konnte nichts gesehen haben, er hielt die Augen immer noch geschlossen. Wahrscheinlich spielten ihre Nerven ihr einen Streich, kein Wunder nach den letzten Ereignissen. Sie brauchte dringend Ruhe und sollte zusehen, dass sie endlich fertig wurde. Während sie Targon mit beiden Armen umschlang, wurde sie sich völlig unvermittelt der Nähe seiner nackten Haut bewusst, die einen herben, aber nicht unangenehmen Geruch ausströmte. Schon wieder hob sich ihr Herz unter dem Flattern, das seine Nähe anscheinend unweigerlich auslöste. Hannah beeilte sich, das Tuch einmal um seinen Körper zu winden und machte einen festen Knoten.  Erleichtert löste sie sich danach von ihm und betrachtete zufrieden ihr Werk. Dafür, dass sie keine Krankenschwester war, sah der Verband ganz passabel aus. Auf jeden Fall würde er seinen Zweck erfüllen. Targon öffnete die Augen, als sie sich erhob, und sah sie ruhig an.

»Du darfst den Dolch behalten, wenn du versprichst, nicht zu versuchen, mich damit anzugreifen. Es würde dir sowieso nicht gelingen.«

Wütend fluchte sie leise vor sich hin und kehrte zurück zu ihrem Schlafplatz, wo sie versuchte, eine einigermaßen bequeme Position zu finden. Als sie sich endlich auf dem Rücken ausstreckte, die Decke bis ans Kinn gezogen hatte und in den sternenklaren Nachthimmel über sich starrte, hörte sie noch ein leises: »Danke, Hannah.«

Zufrieden lächelnd fiel sie bald darauf in einen unruhigen Schlaf. Den seltsamen Schleier hatte sie längst vergessen.

 

*

 

»Wenn wir die Felsen verlassen, reitest du wie der Teufel in die Wüste hinein. Egal was auch passiert, sieh dich nicht um und reite einfach weiter, als würde dein Leben davon abhängen. Es werden uns Reiter entgegenkommen. Erst bei ihnen bist du in Sicherheit.« Targon sah Hannah durchdringend in die Augen, als wollte er damit seine Worte noch unterstreichen. Und wenn Hannah die ausgewachsene Panik in ihrer Brust bedachte, gelang ihm das auch wirklich hervorragend. Ihr Mund war völlig ausgetrocknet, dabei hatte sie gerade beinahe eine ganze Wasserflasche ausgetrunken. Hannah stopfte ihre Hände in die Hosentaschen, um das Zittern darin zu verbergen. Er sollte nicht merken, wie groß ihre Angst war. Also bemühte sie sich um einen gleichgültigen Gesichtsausdruck, der ihr jedoch fürchterlich misslang. Fast augenblicklich, als sie die Augen geöffnet hatte, war ihre Panik zurückgekehrt. Während sie sich aus der Decke gequält hatte, war Targon längst damit beschäftigt gewesen, die Pferde zu versorgen. In dem Feuer lag eine verbeulte Blechkanne, deren Inhalt sich traumhafter Weise als Kaffee entpuppte. Jetzt stand sie vor ihm und wusste nicht, was auf sie zukam, außer, dass es nichts Gutes sein konnte.

Targon nahm das türkisfarbene Tuch, das er ihr geschenkt hatte, und schlang es mit geschickten Griffen um ihren Kopf. In wenigen Augenblicken hatte er ihr eine Art Turban gezaubert und steckte ein herunterhängendes Stück so vor ihr Gesicht, dass nur noch ihre Augen unbedeckt blieben.

»Das wird dich vor der Sonne schützen und dem heißen Wind. Um den Rest werde ich mich kümmern. Dir wird nichts geschehen.«

»Was ist mit dir?«, fragte sie, kein bisschen beruhigter, und ärgerte sich darüber, dass sie sich tatsächlich Sorgen um ihn machte.

Targon löste ein schwarzes Tuch vom Sattel seines Pferdes und band es sich diesmal selbst um den Kopf.

»Um mich brauchst du dir keine Sorgen zu machen, ich bin es gewohnt, mich alleine durchzuschlagen.«

Hannah schluckte verkrampft, als seine Augen sich auf sie richteten. Konnte sie so schon kaum den Blick von ihnen losreißen, schienen sie jetzt von unglaublicher Intensität, die sie verwirrte und nicht mehr losließ. Seine langen dichten Wimpern umrahmten die Augen dabei wie weiche Federn und verliehen dem harten Ausdruck darin eine Glut, die von innen heraus loderte. Abrupt wandte Hannah sich ab, um sich von dem verwirrenden Anblick loszureißen. Er brauchte nicht zu bemerken, was er für eine Wirkung bei ihr erzielte.

»Du schaffst das schon«, sagte er, als hätte er ihre Reaktion falsch gedeutet. »Du wirst bald in Sicherheit sein, das verspreche ich dir.«

»Dann bring mich nach Hause, denn ansonsten erzählst du mir doch nur Lügen«, flehte sie und drehte sich wieder zu ihm herum.

»Dafür ist es zu spät.« Targon schüttelte den Kopf und ergriff die Zügel seines Pferdes. »Kimon ist schnell und wird dich immer in die richtige Richtung tragen. Alles, was du tun musst, ist im Sattel zu bleiben.«

Unsicher ließ Hannah den Blick über die schmale Brust ihrer Stute gleiten. Sie wirkte so zerbrechlich.

»Los, mach schon – rauf mit dir«, forderte er sie auf.

Ängstlich biss sie sich auf die Lippen. Wenn sie doch bloß die geringste Ahnung hätte, worum es hier überhaupt ging. Zumindest lag ihm im Moment ihre Sicherheit noch am Herzen. Es half alles nichts. In gewisser Weise vertraute sie ihm, und es gab wahrscheinlich wirklich keinen anderen Weg, als den, der jetzt vor ihr lag. Ergeben griff sie nach den Zügeln, legte sie Kimon über den schwanengleich gebogenen Hals und zog sich in den Sattel. Das Tier schüttelte leicht seinen Kopf und tänzelte auf der Stelle. Selbst die Stute war unruhig und schien nur darauf zu warten, endlich loslaufen zu dürfen. Hannah packte die Zügel fester und schloss ihre Schenkel um das Tier. Kimon schnaubte leise, seltsamerweise hatte das Geräusch einen tröstlichen Klang. Hannah klopfte dankbar den Hals.

Währenddessen schwand sich Targon mit einer geschmeidigen Bewegung auf den Rücken seines Hengstes.

»Los geht’s – Viel Glück, Hannah. Ich werde dicht bei dir bleiben.«

Targon schien sie aufmunternd anzulächeln, soweit sie dies seinen Augen entnehmen konnte. Dann griff er in ihre Zügel und trieb sein Pferd an. Nebeneinander ritten sie wortlos durch die Schlucht, die immer spitzer zulief und deren Ende jetzt schon deutlich zu sehen war. Hannah spürte, wie ihre Anspannung stieg, je näher der Ausgang kam. Ihre Hände umschlossen verkrampft die drahtigen Haare der Mähne, und ihre Augen huschten hin und her, immer auf der Suche nach einer unbekannten Gefahr. Sie schwitzte erbarmungswürdig, obwohl die Schlucht noch im Schatten der Morgensonne lag. Ihre Hände taten bereits weh, so sehr hatte sie sich verkrampft. Doch alles war vollkommen ruhig. Targons Vorsicht schien unbegründet zu sein und damit auch ihre verfluchte Angst, die mit jedem schmerzhaften Herzschlag wie eine Welle durch ihren Körper und ihren Verstand schoss und ihn lähmte. Das musste sie sich dringend abgewöhnen. Sie durfte sich nicht von ihrer Angst steuern lassen. Hannah zwang sich, die verkrampften Hände ein wenig zu lockern, und wie zur Bestätigung, dass alles friedlich war, schoss ein Hase aus seinem Versteck über ihren Weg. Beinahe im selben Augenblick klatschte Targon mit ganzer Kraft seine Hand auf die Kruppe ihres Pferdes, sodass das Tier einen entsetzten Sprung nach vorne machte und mit einem schrillen Wiehern losgaloppierte. Hannah krallte verzweifelt erneut ihre Finger in die Mähne und benötigte ihre gesamte Kraft, um nicht aus dem Sattel zu stürzen. Das Tier schoss wie eine Pistolenkugel aus der Schlucht hinaus, die pfeilschnell ihren Lauf verlies. Hannah beugte sich tief über den Hals, während Kimon sich bei jedem einzelnen machtvollen Sprung streckte. Heiße Luft schlug ihr entgegen. Die Strähnen der Mähne peitschten über ihr Gesicht, das sie immer tiefer neben dem breiten Hals der Stute vergrub. Trotzdem nahm sie eine Gruppe Reiter wahr, die mit lauten Schreien auf sie zustürzten. Hannah keuchte erschrocken auf. Die Reiter waren bis an die Zähne bewaffnet und ritten in halsbrecherischem Tempo über den harten Wüstenboden. Wo war Targon? Verzweifelt drehte sie den Kopf, um nach ihm Ausschau zu halten. Wie versprochen, war er dicht hinter ihr und holte gerade mit seinem Schwert aus, um mit dessen flachen Seite ihr Pferd anzutreiben. Seine rauen Rufe trieben beide Tiere zusätzlich an. Hannah richtete ihre ganze Konzentration wieder auf die Ebene vor sich. Sie flog förmlich über den heißen Sand, und wären die Reiter nicht gewesen, hätte sie jeden einzelnen Augenblick davon genossen. Die Wüste erstreckte sich wie ein sandfarbenes Meer vor ihr, dessen Wellen erstarrt ihre Verfolgungsjagd beobachteten. Die keuchenden Atemzüge des Pferdes vermischten sich mit ihren eigenen kurzen Atemzügen. Schaum flog zu beiden Seiten auf und blieb an ihren Haaren und ihrer Kleidung hängen.

Ein Schrei riss sie aus ihrer Trance. Die Verfolger waren näher gekommen. In ihren Schreien klang bereits Triumph mit. Plötzlich wurde einer der Reiter von einer unsichtbaren Kraft aus dem Sattel geworfen. Targon galoppierte nun an ihrer Seite, die den Angreifern zugewandt war. Die Zügel seines Pferdes flatterten locker um den Hals, während er mit einer Hand etwas aus seiner Unterarmmanschette zog, das er auf einen anderen Reiter schleuderte. Erneut stürzte ein Mann aus dem Sattel und fiel einem seine Kameraden vor das Pferd. Während sein Reittier unbeeindruckt weiterlief, strauchelte das andere Tier auf dem weichen Körper und überschlug sich, dass die Unglücklichen in einer Staubwolke verschwanden. Die anderen Reiter sprengten weiter auf sie zu, als kümmerte sie das Schicksal ihrer Kameraden nicht.

Gleich haben sie mich, schoss es Hannah kristallklar durch den Kopf. Ihr Blick nach vorne zeigte ihr zwar, dass sich von vorne eine große Staubwolke näherte, in der sie bereits einzelne Reiter erkennen konnte, doch sie würden sie nicht mehr rechtzeitig erreichen. Schräg von vorne schoss ein Reiter auf sie zu, der nur noch wenige Galoppsprünge von ihr entfernt war. Er kam in einem spitzen Winkel, dadurch ritt Hannah ihm genau in die Arme. Entschlossen zerrte sie an den Zügeln und rammte Kimon, die Fersen in die Seite, um dem Angreifer auszuweichen. Die Stute schlug widerspenstig mit dem Kopf, dass die Zügel ihren schmerzenden Fingern entglitten. Hannah schloss entsetzt die Augen, riss sie aber sofort wieder auf. Was, wenn Kimon sich in den Zügeln verhedderte? Entschlossen beugte sie sich so weit wie möglich auf und hangelte nach den Zügeln, bis sie das Leder endlich zwischen den Fingern hielt. Gleichzeitig registrierte sie, wie nahe der Angreifer jetzt war. Entsetzt hielt sie den Atem an, als er sein Krummschwert über seinen Kopf hob und zum Schlag ausholte. Jeden Augenblick musste er sie damit treffen. Doch da schoss wie ein Blitz Targon nach vorne. Tief über den Hals Radschams gebeugt ritt er auf den Angreifer zu und rammte ihn in vollem Galopp.

Hannah schrie aus Leibeskräften, als beide Pferde aufeinanderprallten. Das Klirren der Schwerter und das schmerzvolle Wiehern der Pferde erfüllte die Luft, als beide Tiere samt Reiter in einem wirbelnden Durcheinander aus Mensch und Tier  übereinander rollten. Targon! Hannah schnappte verzweifelt nach Luft. Sie war so betäubt, dass sie gar nicht bemerkte, wie die Gruppe der entgegenkommenden Reiter sie erreichte, ein Mann geschickt die Zügel von Kimon ergriff und seinen Lauf abbremste, bis er in einen langsamen Trab fiel, dann in Schritt, um schließlich mit hängendem Kopf und bebenden Flanken stehen zu bleiben. Von beiden Seiten schoben sich jetzt Reiter neben sie, während sich eine andere Gruppe löste und an ihr vorbeijagte. Hannah war völlig erschöpft und unendlich dankbar, als Kimon endlich stand. Sofort rutschte sie im Sattel herum und hielt nach Targon Ausschau.

Die Reiter, die an ihr vorbeigesprengt waren, versperrten ihr die Sicht. Nur beiläufig bemerkte sie, dass die restlichen Angreifer bereits die Flucht angetreten hatten. Es interessierte sie nicht. Ihr Herz schlug dumpf bis in ihre Kehle hinauf, während sie darauf wartete, irgendetwas erkennen zu können. Die Augenblicke tropften zäh und endlos dahin, in denen zuerst Targons Pferd langsam zwischen den Reitern erschien. Hannahs Herzschlag setzte aus, doch dann jubelte sie hemmungslos auf, als sie eine schwarz gekleidete Gestalt erkannte, die sich hinter einen Reiter in den Sattel schwang und gemeinsam mit der gesamten Gruppe auf sie zukam.

 

*

 

Der Mann lehnte sich erleichtert zurück und atmete auf. Targon ging es gut.

Von Neugier getrieben, mehr über die Vergangenheit Targons zu erfahren, blätterte er wieder zurück. Er überflog die schwungvolle Schrift und las, wie Targon von Maruk zu einem Krieger ausgebildet wurde. Immer wieder wunderte er sich darüber, dass Maruk dies heimlich tat. Nahezu täglich schlichen sie sich aus der Burg, um heimlich im Garten zu trainieren. Targon wurde zu einem lautlosen und schnellen Schatten, der seinen Gegner niederrang, bevor dieser ihn überhaupt wahrnahm. Das Band, das beide miteinander verband, wurde von Seite zu Seite enger.

Ein dumpfes Gefühl breitete sich in dem Mann aus. Welchen Zweck verfolgte Maruk? Von Sorge getrieben blätterte er weiter, bis er sich in den Zeilen verlor:

 

Targon hockte in einem dichten Haselnussstrauch, den Blicken jedes zufälligen Beobachters verborgen, und sah mit zusammengekniffenen Augen auf das Gehöft, das sich unterhalb seiner Position in ein langgestrecktes grünes Tal schmiegte. Die Sonne hatte sich noch nicht über die sanften Berge erhoben, doch ein feiner Strahlenkranz schob sich bereits in den Himmel, als kundschaftete er den Weg aus. Der Morgendunst zerteilte sich unter der Kraft der Strahlen, verflüchtigte sich und ließ die vereinzelnd daliegenden Gehöfte unwirklich erscheinen.

Targon seufzte schwer. Das Bild war von so unglaublicher Friedlichkeit, als könnte nichts diesen Tag beschmutzen. Und doch war ausgerechnet er selbst derjenige, der diesem Tag seinen Stempel aufdrücken würde und ihn bereits in diesen frühen Morgenstunden mit seinem Vorhaben verdarb. Mit leicht zitternden Fingern wischte Targon sich über die Stirn. Trotz der frischen Luft war ihm heiß. Sein Magen knurrte fürchterlich, aber er hatte in Anbetracht seines Auftrages keinen einzigen Bissen herunterbekommen.

Sein erster Auftrag! Targon spuckte wütend auf den Boden zu seinen Füßen. Das war also das Vermächtnis Maruks. Dafür hatte er ihn all die Jahre so gründlich ausgebildet, damit er nahtlos in seine Fußstapfen treten konnte, wenn er sich auf und davon machte. Die Wut trieb Targon noch mehr Hitze ins Gesicht. Er fühlte sich verraten. Maruk hatte wissen müssen, was der König mit ihm vorhatte und hatte es ihm verschwiegen. Genau, wie er ihm sonst auch eigentlich alles von sich selbst verschwiegen hatte.

Mit zitternden Fingern überprüfte er den Sitz der Dolche in seinen Unterarmmanschetten, zum wiederholten Male. Doch alles war, wie kurz zuvor, so wie es sein sollte.

Natürlich. Wie sollte es auch anders sein? Targon schnaubte bitter auf. Maruk hatte ihn konditioniert wie einen Hund. Alles war in Fleisch und Blut übergegangen. Selbst im Schlaf griff er blitzschnell nach seinen bereitliegenden Waffen, als gäbe es für ihn keinen sicheren Moment. Und den gab es auch nicht mehr. Nicht für ihn und nicht für die Personen, deren Namen in des Königs Aufträgen genannt wurden.

Targon streckte die Hände von sich und betrachtete sie. Ob Maruk jemals gezittert hatte? Sicher nicht, Maruk war nichts anderes als ein Killer gewesen. Sein Herz zog sich verkrampft zusammen, und er ließ die Hände wieder sinken. Es hatte keinen Sinn, länger darüber nachzudenken. Nervös fuhr er sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. Der Hof lag immer noch verschlafen da, die Gelegenheit konnte günstiger nicht sein. Entschlossen erhob er sich aus seinem Versteck und huschte, die Schatten der umliegenden Bäume und Sträucher für sich nutzend, in das Tal hinab. Kein Geräusch war zu hören, nur der dumpfe Schlag seines Herzens. Als er sich mit dem Rücken an die Wand des Stalles lehnte, ließ seine Unruhe nach. Seine von Maruk trainierten Instinkte gewannen die Oberhand, und seine Gefühle sanken in unbekannte Tiefen, von wo sie keine Macht mehr auf ihn ausübten.

Aus dem Stall drang leises Gegacker, und ein schmaler Lichtstrahl fiel durch eine Ritze der hölzernen Wand. Targon tastete sich vorsichtig daran entlang, bis er vor der halboffenen Tür stehenblieb. Konzentriert lauschte er. Die Geräusche erzählten ihm von dem Leben im Stall. Die Tiere erwachten langsam und ein Klappern verkündete, dass jemand bei ihnen war.

Der Bauer war bereits bei der Arbeit.

Targon griff nach einem schlanken Wurfmesser und spähte durch die Tür. Jemand stand zwischen den Kühen, die nebeneinander aufgereiht in schmalen Ständern standen und ihm das Hinterteil entgegenstreckten. Beruhigendes Gemurmel drang zwischen den Kühen hervor. Targon konnte nicht erkennen, wer dort stand. Lautlos huschte er in das Innere und duckte sich in einen leer stehenden Ständer. Der Geruch von frischem Stroh kitzelte in seiner Nase. Ein Pony schnaubte leise von nebenan, als es ihn neugierig beäugte. Nach wenigen Augenblicken wandte es sich wieder seinem Heu zu. Inzwischen hatte der Bauer mit dem Melken begonnen. Ein rhythmisches Zischen ertönte, als der warme Strahl in den Eimer traf. Jetzt war der richtige Augenblick. Der Bauer war in seiner Arbeit vertieft. Seine Finger schlossen sich fester um den Griff des Wurfmessers. Dann verließ er sein Versteck und ging auf leisen Sohlen auf die Kühe und den Bauern zu. Keinen Moment länger würde er noch warten können. Er musste dies hier einfach hinter sich bringen.

Doch von einem Augenblick auf den anderen geriet die Welt aus den Fugen, als die Gestalt zwischen den Kühen sich überrascht auf ihrem Schemel herumdrehte und aufsprang. Der Holzeimer fiel klappernd um, vergoss seinen kostbaren Inhalt in das Stroh und rollte der Kuh zwischen die Beine, die den Kopf hochriss und erschrocken aufbrüllte.

Targon fluchte. Vor ihm stand eine junge Frau, die ihn aus angstvoll geweiteten Augen anstarrte und erstickt aufschrie, als ihr Blick auf das Messer in seiner Hand fiel. Sein Herz setzte für einen Wimpernschlag aus, als er instinktiv reagierte.

»Lasse niemals einen Zeugen zurück.« Die Mahnung Maruks jagte durch seinen Verstand, als auch bereits das Messer wie ein Pfeil seine Hand verlies und auf die Frau zuschoss; ihr das Leben stahl, noch bevor ihr schlanker Körper haltlos in das Stroh sackte.

Erneut brüllte die Kuh auf, die jetzt voller Angst an ihren Stricken zerrte und mit den Hufen stampfte. Der ganze Stall geriet in Panik. Targon sah sich gehetzt um. Er war unvorsichtig gewesen und hatte eine Unschuldige getötet. Ein nicht wieder gut zu machender Fehler.

»Mira? Ist alles in Ordnung?«

Verdammt! Targon wirbelte herum und duckte sich. Ein großer Mann stand in der offenen Stalltür. Das Gesicht war gegen die aufgehende Sonne in seinem Rücken nicht zu erkennen, die jedoch ohne Erbarmen das kleine Mädchen anstrahlte, das sich verschlafen in die Arme ihres Vaters kuschelte.

Targons Gedanken wirbelten durcheinander. Noch konnte der Bauer ihn nicht sehen. Die unruhigen Kühe verbargen ihn vor dessen Blicken. Doch es konnte sich nur um Augenblicke handeln, bis er zwischen die Kühe trat und die Frau entdeckte.

»Mira? Wo bist du, Mira?«

Der Bauer rückte behutsam das Kind in seinen Armen zurecht und trat nun ganz in den Stall. Die Sorge fraß sich durch seine Stimme, und auch das Kind begann nun, leise zu weinen. Targon duckte sich noch tiefer und sah durch die Beine der Kuh, wie der Bauer in seine Richtung kam. Sein Magen ballte sich schmerzhaft zusammen, als er begriff, dass ihm nun nicht mehr viele Möglichkeiten blieben. Verzweifelt presste er die Lippen zusammen und machte sich bereit. Es gab kein Zurück mehr.

 

*

 

Als er Minuten später aus dem Stall trat, zitterte er am ganzen Körper. Er fühlte sich schwach, und Übelkeit wühlte mit groben Fingern in seinen Eingeweiden. Targon taumelte und fiel nur wenige Schritte vor der Stalltür auf die Knie und übergab sich. Ein Fehler, ein dummer Fehler und er hatte getötet, ohne dass es einen echten Grund gab. Erneut krampfte sich sein Magen zusammen. Bittere Galle füllte seinen Mund. Die Bilder, die er aus dem Stall mitgenommen hatte, schnitten tiefe Wunden, die nicht zu heilen waren und die ihn mit Schmerz erfüllten, für den es keine Worte gab.

Er sollte den Mann töten. Das war sein Auftrag gewesen. Nicht die Frau, nicht - eine ganze Familie zerstören. Was hatte er getan?

Targon krümmte sich wie ein geprügelter Hund. Warum war er wie ein Idiot davon ausgegangen, dass der Bauer die Kühe melkte? Wieso war er nicht sorgfältiger vorgegangen?

Targon setzte sich auf den staubigen Boden und wischte sich erschöpft über den Mund. Im Stall war inzwischen alles ruhig, die Tiere hatten sich beruhigt. Dennoch wagte er keinen Blick in die Dunkelheit des Stalles, die zu viel von seinen eigenen neuen Abgründen verbarg. Darauf hatte ihn Maruk nicht vorbereitet. Er hatte ihm alles gezeigt, was man mit Waffen tun konnte. Aber er hatte ihm das Entscheidendste dabei weder erklärt noch beigebracht, geschweige denn überhaupt nur ein Wort darüber verloren.

Was machte man mit seinem Gewissen?

Nach einer Weile rappelte Targon sich mühsam auf, als ein dünnes Weinen die klare Luft mit seiner Verzweiflung erfüllte. Langsam drehte sich Targon um. Das kleine Mädchen tappte mit unsicheren Schritten aus dem Stall, fiel, rappelte sich wieder auf und stolperte weiter. Ihr Weinen war nicht laut, dennoch eindringlich. Targon schluckte. Plötzlich wusste er mit absoluter Sicherheit, was er jetzt zu tun hatte. Und dann verschloss er seinen Kopf vor dem, was geschehen war und verschloss sein Herz. Nie wieder würde er solchen Schmerz zulassen.

 

Entsetzt starrte der Mann auf das Buch. Schwer lag es auf seinen ausgestreckten Beinen, als wäre es ein Fels. Plötzlich kam die Wut in ihm hoch, die er bereits verloren geglaubt hatte. Er hätte all das verhindern können, wäre er nur nicht in dieser verdammten Höhle gefangen. Stattdessen saß er hier herum, mit nichts als diesem Buch, das ihm Alpträume bescherte und ihm auf grausame Weise vorführte, wie er nichts ändern konnte, an dem, was geschah. Er hatte seine Chance gehabt und hatte diese damit vertan, der Macht und dem berauschenden Gefühl nachzujagen, einfach alles tun zu können. Der Frieden, von dem er geglaubt hatte, ihn gefunden zu haben, bröckelte ab und ließ nur noch Unruhe zurück.

Kylnavern

 

Nachdem Targon mit den Reitern wieder zu ihnen gestoßen war, ritten sie in einem langen Pulk jeweils zu zweit nebeneinander her. Hannah fühlte sich sicher, doch gleichzeitig wurde ihr auch nur zu deutlich bewusst, dass, wenn sie überhaupt jemals eine Chance zur Flucht gehabt hatte, diese jetzt völlig verloren hatte. Die Reiter waren alle schwer bewaffnet. Jeder von ihnen trug ein Schwert und mindestens ein Messer. Vereinzelnd trugen sie Armbrüste und Äxte auf ihrem Rücken. In was für eine seltsame Schar war sie nur geraten?

Suchend hob sie den Blick. Targon ritt an der Spitze und hatte sich den ganzen Tag kein einziges Mal mehr nach ihr umgesehen. Hannah presste bitter die Lippen aufeinander und tätschelte liebevoll Kimon. Es war heiß. Die Sonne knallte von einem unerwünscht wolkenlosen Himmel herunter, so dass die Hitze flirrend über dem Boden tanzte und ihre Gedanken immer träger wurden. Schweiß lief in dicken Tropfen über ihr Gesicht und klebte in ihrem Nacken und an Stellen, an die sie nicht denken mochte. Dem Reiter neben ihr schien dies nicht zu stören. Die dunkelblaue Kleidung, die er wie alle anderen trug, war weit und bequem geschnitten. Das Hemd so lang, dass es bis zu den Knien reichte, darunter kam eine pumpartige Hose zum Vorschein, die sich nicht wie eine zweite Haut an die Beine saugte, so wie es ihre Jeans gerade tat. Hannah seufzte und sah wieder nach vorn. Langsam ritten sie eine Sanddüne hinauf, die sich über den ganzen Horizont erstreckte, und damit alles sorgfältig verbarg, was dahinter liegen mochte und von dem sie hoffte, dass es die Anstrengung lohnte. Der Aufstieg war steil. Sie kamen nur langsam voran. Kimon schritt überraschend schwungvoll nach oben, als läge kein zermürbender Ritt hinter ihr. In dem zierlichen Körper steckte wohl doch mehr Kraft und Energie, als sie vermutet hatte. Targon hatte mit seiner Einschätzung der Stute recht behalten.  Sie selbst war jedenfalls schrecklich müde. Ihre Lider fielen immer wieder zu. Mit jedem Mal kostete es mehr Kraft, sie wieder zu öffnen.

Als sie endlich den Kamm erreichten, setzte sich Hannah ruckartig im Sattel auf und riss die brennenden Augen auf. Ungläubig starrte sie auf die Landschaft. Niemals hatte sie gedacht, dass sich hier eine derartig gegensätzliche Landschaft befinden konnte. Soweit das Auge reichte, sah sie grün bewachsene Täler und Hügel mit kleineren Wäldern durchsetzt. Im Westen befand sich ein großer Wald, dessen Ende hinter einer Hügelgruppe verschwand und in der Ferne thronte ein Gebirge, deren schneebedeckte Gipfel wie das ergraute Haupt eines schlafenden Riesen wirkte. Aber das, was ihre Augen anzog, war der große See, der direkt am Fuß des Walls lag und sich weit in das Land erstreckte. Es war das verlockendste und klarste Wasser, das sie je gesehen hatte. Ein perfektes Abbild der Ufervegetation spiegelte sich auf der Oberfläche. Büsche und Bäume umarmten den See; üppiges Schilfgras wuchs weit bis in das Wasser hinein. Eine Gruppe von fünf Zelten sammelte sich am östlichen, ihnen am nächsten liegenden Ufer.

»Wasser …«, sagte sie und erschrak selbst über das Krächzen, das sie von sich gab. Der Reiter neben ihr warf ihr einen erstaunten Blick zu, nickte aber bloß stumm.

Zu ihrer Erleichterung ging der Abstieg schneller als der elende Aufstieg. Doch zu ihrer Enttäuschung blieben die Reiter auf dem kleinen Platz zwischen den Zelten stehen und stiegen ab. Dass sie sich genau in ihrer Mitte befand, machte es ihr unmöglich, in den See zu reiten.

»Steigt ab und folgt mir nach vorne«, herrschte sie der Reiter an, der die ganze Zeit neben ihr gewesen war. Seine Stimme war noch jung, aber sein Blick unerbittlich, während er das Tuch von seinem Gesicht löste.

Widerstrebend stieg sie ab und folgte ihrem jungen Führer, der neben Targon stehen blieb und sich verneigte. Targon dankte ihm mit einem knappen Nicken. Im selben Augenblick rannte ein dicker Mann aus dem Zelt, vor dem sie standen und blieb keuchend mit einer ehrerbietigen Verbeugung stehen, bei der er mit einer weibischen Geste mit einem Bein einknickte wie bei einem Knicks und seine geraden wie mit einem Lineal geschnitten dunklen Haare nach vorne fielen und sein teigiges Gesicht bedeckten.

»Mein Prinz!«, rief er mit sich überschlagender Stimme.  »Ihr seid wohlbehalten. Erlaubt mir, Euch im Zelt mit kühlem Wein und erlesenen Speisen zu erfrischen.«

Hannah starrte zuerst den Mann verständnislos an und dann Targon, der ihm nur unfreundlich ansah und einfach in das große Zelt davon schritt. Verwirrt sah sie ihm nach. Das war doch ein Witz? Misstrauisch sah sie sich um. Die Zelte waren schlicht und aus grobem Leinen gefertigt und wirkten wie aus einer Filmkulisse gestohlen, so wie im Grunde alles um sie herum, einschließlich der Kostüme, die die Männer trugen.

Die langsam sinkende Sonne blendete sie. Hannah kniff die Augen zusammen und suchte unwillkürlich nach versteckten Kameras. Ein Räuspern schreckte sie aus ihrer Suche auf. Erst jetzt bemerkte sie, dass der dicke Mann neben sie getreten war und sie ungeduldig beobachtete. Seine Arme hatte er umständlich und ohne Zweifel mit einiger Mühe vor seinem kugelrunden Bauch verschränkt, so dass er theatralisch mit den Fingern auf seinen Unterarm trommeln konnte.

»Wenn Ihr mir bitte folgen wollt? Ich werde Euch Eure Unterkunft für die Nacht zeigen.«

Hannah nickte langsam und mit einem kleinen Gefühl der Dankbarkeit. Sie war hundemüde und wollte sich einfach nur irgendwo hinlegen. Also folgte sie ihm in das gleiche Zelt, in das auch Targon – der Prinz! – verschwunden war.

Sie betraten zunächst eine Art Vorraum, in dem sich einige Kissen befanden, die aus verschiedenen Stoffen und in den unterschiedlichsten Farben und Mustern gefertigt waren. Zwei Wächter standen zu beiden Seiten des Raumes und betrachteten sie mit unverhohlener Neugier. Der Dicke ging nach links weiter, schlug eine Stoffbahn zur Seite und winkte sie hindurch. Zögernd trat sie ein und fand sich in einem Raum wieder, der angenehm kühl und schwach beleuchtet war. Nach dem die pralle Sonne den ganzen Tag auf sie herabgebrannt hatte, war sie wirklich froh dieser endlich zu entkommen. Als wollte die Müdigkeit in ihren Knochen die Gelegenheit nutzen, machte sie jetzt spürbar auf sich aufmerksam. Hannahs Augen brannten und sie gab sich nicht die geringste Mühe, ein herzhaftes Gähnen zu unterdrücken, was ihr ein missbilligendes Stirnrunzeln des Dicken einbrachte. Aber der Anblick, der hier ebenfalls überall verteilten und äußerst einladend wirkenden Decken und Kissen verstärkten den Wunsch, sich einfach nur noch fallen zu lassen, in einen dieser Berge zu versinken und zu schlafen. Selbst der äußerst verlockende Teller mit glänzenden roten Weintrauben und prallen Erdbeeren, vermochte sie nicht mehr aufzuhalten.

Doch Hannah hatte nicht mit dem dicken Mann gerechnet, der sie vorsichtig mit spitzen Fingern und leicht angewidert verzogenem Mund am Arm ergriff, als sie bereits halb auf die Kissen sank.

»Verzeiht. Aber bevor Ihr Euch zur Ruhe begeben könnt, halte ich es doch für angebracht, dass Ihr Euch noch ein wenig der Körperhygiene unterzieht. Dort drüben findet Ihr einen Krug mit frischem Wasser und eine Waschschüssel. Ich werde mich zurückziehen, damit Ihr Euch entkleiden könnt. Danach zieht Ihr bitte das Gewand an, dass ich für Euch bereitgelegt habe.«

Irritiert blinzelte Hannah in die angegebene Richtung. Dort lag auf einer Truhe ein ordentlich zusammengelegter Kleiderhaufen. Widerwillig trat sie näher und hob den grünen Stoff hoch, der sich als Kleid aus einem derart groben Leinen entpuppte, dass ihre Haut bereits bei dem Anblick überall kratzte. Dicke Knoten waren achtlos mit hinein gewebt worden, als hätte man eher Stacheldraht dafür verwenden wollen.

Warum, um Himmels Willen, sollte sie ein derart hässliches Ding anziehen? Hannah verzog das Gesicht. Die Farbe war zwar recht hübsch, aber der Schnitt des Kleides war alles andere als modern, passte jedoch hervorragend in dieses Possenspiel. Kurze Puffärmel und ein blusenähnliches Oberteil mit großzügigem, - viel zu großzügigem -, Ausschnitt.  Auf der Truhe lag noch ein hellgelbes Mieder, oder wie man diese Teile zum Schnüren auch nannte.

»Das ziehe ich niemals an. Auf. Keinen. Fall!«, sagte sie scharf und warf das Kleid achtlos zu Boden.

Der Mann, dessen Namen sie immer noch nicht kannte, der ihr aber auch herzlich gleichgültig war, sog hörbar die Luft ein.

»Wie könnt Ihr es wagen?«, rief er aus und bückte sich aufgebracht, um das Kleid aufzuheben. Sorgfältig klopfte er es ab und legte es dann mit behutsamer Geste zurück auf die Truhe.

»Der Prinz hat befohlen, dass Ihr dieses Kleid morgen bei der Weiterreise tragen müsst.«

»Dann richte deinem Prinzen aus: Er kann mich mal!« Wütend stemmte Hannah die Fäuste in die Seiten und funkelte den Dicken an, der unglücklich zurückwich.

»Es ziemt sich nicht, so zu reisen.« Damit deutete er auf ihre Jeans und schüttelte den Kopf. Seine Augen brannten ihr rot entgegen. Hoffentlich fing er nicht gleich an zu weinen.

»Ich werde ganz bestimmt nicht diese hässlichen Klamotten anziehen.« Wütend schnappte sie sich erneut das Kleid und hielt es ihrem Gegenüber hin. »Dieses Kleid ist der billigste Fummel, den ich je gesehen habe, mit einem abartigen Ausschnitt noch dazu, und das soll sich ziemen?« Die letzten Worte hatte sie fast geschrien und warf das Kleid mit Wucht durch den Raum, wo es gegen eine Stoffbahn klatschte und daran zu Boden rutschte.

Der Dicke erbleichte zusehends und schnappte nach Luft, wobei er sich mit einer dramatischen Gestik an die fette Brust griff.

Grimmig betrachtete sie den fetten Kerl. Das Blut rauschte in ihren Adern vor Aufregung und Wut.

Plötzlich wurde eine Stoffbahn zur Seite geschlagen, und Targon trat ein. Er trug nur eine Hose. Sein nackter Oberkörper glänzte feucht, als war er gerade dabei gewesen, sich zu waschen. An seiner Seite glänzte ein frischer Verband, der wie ein Signalfeuer auf dem gebräunten Körper leuchtete. Hannah schluckte und zwang sich den Blick von der deutlich ausgebildeten Bauchmuskulatur abzuwenden und sich auf sein Gesicht zu konzentrieren. Doch seine Miene war nicht dazu angetan, darin zu verharren. Eine deutliche Sturmwarnung fegte durch das Zelt, ausgesandt von seinen Augen, die jedes Licht in dem Raum zu verschlingen drohten.

»Mein Prinz, dieses unerzogene Frauenzimmer benimmt sich wie eine Furie aus den Bergen.« Händeringend stand der Dicke da und warf Targon einen verzweifelten Blick zu. Mit hochgezogener Augenbraue registrierte dieser das Kleid, das sie so wutentbrannt in eine Ecke geschleudert hatte.

»Passt es nicht?«, fragte er ruhig.

»Es gefällt mir nicht!«, fuhr sie ihn widerspenstig an. Sie hatte nicht vor, auch nur einen Zentimeter vor ihm zurückzuweichen.

Targon schwieg und hob das Kleid auf.

»Du kannst nicht in Jeans und T-Shirt durch diese Welt reisen. Die Leute würden dich für eine Hexe halten und verbrennen.« Targon lächelte, als gefiel ihm dieser Gedanke. »Das würde meinen Auftrag jedoch nur unnötig erschweren. Also bitte, zieh das Kleid an, so wie Barim es gesagt hat!«

»Das ist mir völlig gleich.« Hannah verschränkte demonstrativ die Arme vor ihrer Brust und ignorierte das Kleid, das er ihr entgegenhielt. Auf keinen Fall würde sie sich von ihren Sachen trennen. Niemals. »Ich denke nicht daran, so ein hässliches unbequemes Ding gegen meine Jeans zu tauschen.« Mit hämmerndem Herzen presste sie die Lippen fest aufeinander. Er konnte sie nicht dazu zwingen, auf keinen Fall.

Mit einem gleichgültigen Schulterzucken legte Targon das Kleid behutsam auf die Truhe.

»Wie du meinst«, sagte er weiterhin ruhig, aber mit einem bösen Glitzern in den Augen. »Wenn du morgen früh in deiner Hose dieses Zelt verlässt, werde ich dir persönlich das Kleid anziehen. Und ich werde mir nicht die Mühe machen, dafür wieder in das Zelt zurückzukehren. Ich denke, den Männern würde das Schauspiel gefallen. – Also überleg dir gut, ob du es wirklich darauf ankommen lassen möchtest.«

Hannah wurde rot, entgegnete aber nichts. Stattdessen sah sie ihm nur stur in die schwarzen und wie sie jetzt fand, absolut seelenlosen Augen. Dieser verdammte Mistkerl. Täuschte sie sich, oder zuckte es kurz um seine Mundwinkel herum, als fiel es ihm auch noch schwer, ein Grinsen zu unterdrücken? Als er begriff, dass sie nicht vor hatte, ihm zu antworten, nickte er kurz.

»Gut, freut mich, dass du offensichtlich beschlossen hast, ausnahmsweise mal deinen Verstand zu benutzen. Ruh dich jetzt aus, wir werden morgen früh bei Sonnenaufgang aufbrechen.« Damit wandte er sich ab und ließ sie stehen.

Hannah starrte ihm nach. Flammen fraßen ihre Wangen.

Dieser Mistkerl, dachte sie hasserfüllt. Er ließ ihr nicht die geringste Wahl. Verzweifelt und trotzig ließ sie sich auf den Kissenberg fallen, der direkt hinter ihr aufgetürmt war. Das Flehen und Jammern Barims, dass sie sich doch bitte noch frisch machen sollte und die schrecklichen Hosen ausziehen, ignorierte sie stur, zog sich eine, wie sie zugeben musste, wunderbar nach Blüten duftende und seidenweiche Decke über den Kopf und hoffte nur noch, am nächsten Tag einfach nur wieder aus diesem Alptraum aufzuwachen.

 

*

 

Hannah schlief wie ein Stein, umnebelt vom süßen Duft, der von Decke und Kissen ausging. Dennoch wachte sie noch weit vor Morgengrauen auf und starrte vor sich hin.

Diese Welt! Die Worte spukten durch ihren Kopf und tanzten darin herum. Du kannst nicht durch diese Welt reisen, hatte er gesagt, dessen war sie sich absolut sicher. Aber wieso Welt? Hatte er vielleicht Land gemeint und sie hatte es nur falsch verstanden? Seufzend richtete sie sich auf. Ihr Blick wanderte wie von alleine zu der Truhe, auf der immer noch dieses unglückselige Kleid lag.

Leise Atemzüge hinter den Stoffbahnen machten sie darauf aufmerksam, dass sie nicht alleine im Zelt war. Nebenan musste Targon schlafen. Leise schlug sie die Decke zur Seite und stand auf. Die Teppiche streichelten sanft über ihre nackten Fußsohlen. Sie genoss jeden Schritt und blieb beinahe mit leisem Bedauern an der Stoffbahn stehen, durch die er gekommen war. Bei genauerem Hinsehen zeigte sich, dass die gesamte Wand aus einzelnen Bahnen bestand.

Vorsichtig und mit klopfendem Herzen, schob sie den Stoff ein winziges Stück auseinander. Gerade so viel, dass sie hindurch sehen konnte.

Auch dieser Raum war von einer einzelnen Laterne beleuchtet. Er war, soweit dies überhaupt noch möglich war, noch üppiger ausgestattet, als der ihre. Wobei die Kissen und Decken nicht bunt, sondern allesamt von einem dunklen nachtblau waren.

Targon lag nur wenige Schritte von ihr entfernt auf einem richtigen Bett. Er war bis zur Hüfte mit einem dünnen Tuch bedeckt. Sein Oberkörper war immer noch nackt und glänzte vor Schweiß, während sich sein Kopf auf dem Kissen unruhig hin und her bewegte. Seine schwarzen Haare folgten den Bewegungen dabei wie ein Schwarm blauschwarzer Krähen einem Opfer.

Also hast auch du deine Alpträume, dachte Hannah. Im gleichen Moment beruhigte er sich. Sein Gesicht lag jetzt ihr zugewandt auf der Seite; entspannt, als hatte er seine nächtlichen Dämonen besiegt und davonjagen können.

Sie wollte sich gerade wieder zurückziehen, als er seine Augen öffnete und sie direkt ansah. Ihr Herz erstarrte mitten im Schlag. Wie ein Kaninchen starrte sie der Schlange direkt in die abgrundtiefen Augen, unfähig sich zu bewegen oder gar woanders hinsehen zu können. Eine gefühlte Ewigkeit begegneten sich so ihre Blicke, ohne dass er irgendeine Reaktion zeigte, die darauf hindeutete, dass er wach sein könnte. In seinen Augen spiegelte sich die Flamme der Laterne wie ein Irrlicht und erfüllten sie mit erstaunlichem Leben, ohne dass er sie auch nur ein einziges Mal bewegte.

Leises Husten klang von draußen herein, löste die Lähmung, die sie ergriffen hatte, und auch Targon schloss die Augen wieder, als wären sie nie geöffnet gewesen. Mit einem tiefen Atemzug zog sich Hannah zurück in ihren Raum.

 

*

 

Als die Stoffbahn mit einem leisen Geräusch zurückschwang, öffnete Targon wieder seine Augen und starrte auf die Stelle, an der Hannah gerade noch gestanden hatte. Sein Herz trommelte immer noch in seiner Brust, was nicht nur an dem Alptraum lag, der ihn geplagt hatte, und sein Blut lief viel zu heiß durch seine Adern. Wäre Hannah jetzt nicht gegangen, hätte er kaum mehr die Beherrschung gehabt, noch länger liegen zu bleiben. Angespannt fuhr er sich mit gespreizten Fingern durch die verschwitzten Haare. Keine Ahnung, wie sie es immer wieder schaffte, ihn derart zu fesseln.

Mit einem schweren Atemzug richtete er sich auf. Er war nicht im Geringsten müde. Genauso gut konnte er jetzt aufstehen und sich für den Aufbruch fertig machen. Umso früher sie auf den Weg kamen, desto besser war es. 

Entschlossen verließ er seinen Bereich und trat in den Vorraum. Wie erwartet lag Barim direkt vor dem Zugang auf dem Boden, jederzeit bereit, auf einen einfachen Wink aufzuspringen.

»Barim! Wach auf!«

Der dicke Mann sprang hoch, ohne das geringste Zeichen von Müdigkeit und verbeugte sich wie immer unterwürfig; wie Targon es hasste.  Barim war nur ein Speichellecker Romuns, der ihm bei nächstbester Gelegenheit ein Messer in den Rücken stoßen würde, wenn sein Bruder es ihm nur befahl. So lange Romun dies nicht tat, würde der Mann alles für ihn tun, was in seiner Macht stand und konnte insoweit als verlässlich gelten.

»Ihr wünscht, mein Prinz?«, stieß er eilfertig hervor.

Widerlich wach und aufmerksam stand der Kerl vor ihm und lechzte nach einem Befehl. Targon bemühte sich, seine Abneigung nicht anmerken zu lassen, obwohl er davon überzeugt war, dass es Barim gleichgültig gewesen wäre, selbst wenn er es bemerkte.

»Ich möchte so schnell wie möglich aufbrechen. Bereite alles vor und weck unseren Gast.«

»Ganz wie Ihr wünscht, mein Prinz.« Barim verschwendete keine Zeit und verschwand hinter den Stoffbahnen, die zu Hannah führten.

Targon verließ das Zelt und ging zum Wasser hinunter, das in der Dunkelheit wie eine schwarze Platte dalag. Kein Windhauch störte den Wasserspiegel in seinem Schlaf. Er entledigte sich seiner Hose und watete in das kühle Wasser, bis es ihm zur Brust reichte. Mit beiden Händen schaufelte er sich das Wasser über Arme, Brust und Bauch, um sich den Schweiß vom Körper zu waschen. Noch immer hing der Alptraum wie einen klebrigen Schleier über seinen Gedanken und hinterließ Klumpen von bösen Vorahnungen. Romun hatte ihm viel zu wenig von dem erzählt, was er genau mit Hannah vorhatte. Sein Bruder ließ ihn bewusst im Unklaren, das war klar; die Frage war nur: Warum? Irgendetwas plante er, und das konnte nichts Gutes bedeuten. Womöglich war er selbst eine Figur in dem kommenden Spiel. Sein Instinkt war zuverlässig und hatte ihn schon oft vor Schaden bewahrt. Jetzt vibrierte er wie das Netz einer Spinne, in der eine fette Beute gelaufen war. Fragte sich nur, wer die Beute war.

Targon holte tief Luft und tauchte ab. Blind stieß er in die Dunkelheit des Sees und ließ sich ganz auf das Wasser ein, das prickelnd über seinen Körper strich. Als die Luft knapp wurde, tauchte er unwillig wieder auf und schwamm an das Ufer zurück. Die Zelte malten sich matt gegen den Himmel ab, schwach beleuchtet von abgedunkelten Laternen. Zwei Wachen standen verschlafen dazwischen. Sobald Hannah und er fort waren, würden sie das Lager abbrechen und ebenfalls nach Kylnavern reisen. Sie würden einen Umweg nehmen und in den Dörfern, die sie durchquerten für Aufsehen sorgen, um damit eventuelle Verfolger auf sich zu lenken. Targon rechnete eigentlich nicht mehr mit Schwierigkeiten, da Romun ganz offen mit Marina durch die Dörfer reiste, für jeden weithin sichtbar. Zudem befanden Sie sich bereits zu nah an der Burg, als das jemand es wagen würde, sie hier offen anzugreifen. Dennoch war es besser, unauffällig weiterzureisen.

Langsam watete er zurück an Land. Eine der Wachen wartete bereits auf ihn und hielt frische Kleidung für ihn bereit.

»Danke«, murmelte Targon und ergriff die braune, grob gewebte Hose und das hellbraune Hemd. Erst als er den erstaunten Blick des Mannes sah, der kaum älter als achtzehn Jahre alt sein mochte, wurde ihm bewusst, dass er sich bedankt hatte. Kein Wunder, dass der Mann ihn anstarrte. Der schwarze Prinz bedankte sich nicht; niemals! »Stets zu Euren Diensten, mein Prinz«, stammelte der Mann zurück, deutlich darum bemüht, Haltung zu bewahren.

»Alles andere würde Euch auch nur den Kopf kosten, mein Junge«, knurrte Targon verdrießlich, um seinen Fehler wieder gut zu machen. Zufrieden registrierte er, wie die Wache erbleichte, und wandte sich ab. Er schlüpfte in die neue Kleidung und kehrte zum Zelt zurück. Ein großer Apfelschimmel und ein kleines dickes braunes Pony mit heller strubbeliger Mähne standen bereits gesattelt und bepackt davor. Barim hatte keine Zeit verschwendet. Beide Tiere waren von durchschnittlicher Erscheinung, kein Vergleich zu Radscham und Kimon, aber durchaus ausdauernd und zäh.

»Na, mein Freund«, leise murmelnd trat Targon zu dem Schimmel und streichelte sanft über die weichen Nüstern. Ein längliches Bündel, eingewickelt in helles Tuch, war direkt hinter dem Sattel angebracht. Vorsichtig schob er den Stoff ein wenig zur Seite, bis der lederumwickelte Griff seines Schwertes zum Vorschein kam. Dann bedeckte er es wieder sorgfältig und ergriff die Zügel.

Da trat Barim aus dem Zelt hervor, hielt den Eingang offen und winkte herrisch in das Innere, aus dem sich ein zarter Lichtschein in die Dunkelheit hinauswarf und ihn schwach, aber bestimmt zerschnitt. Zögernd folgte Hannah, das Kinn trotzig angehoben und die grünen Augen funkelten, als könnten sie so tödliches Gift versprühen. Zu seiner Erleichterung- und ein wenig zu seiner Enttäuschung – hatte sie darauf verzichtet, es auf eine Auseinandersetzung mit ihm ankommen zu lassen, und trug das grüne Kleid. Es saß wie angegossen und betonte sowohl ihre rotbraunen Haare als auch ihre schlanke Gestalt. Im Grunde wirkte es so, als hätte sie in ihrem Leben nie etwas anderes getragen. An ihren Füßen saßen dünne Lederschuhe, die sie mit langen Bändern, die um ihre Knöchel gewickelt waren, befestigt hatte. Mit einem verächtlichen Blick in seine Richtung und einem kurzen, aber erstaunten Blinzeln, als sie seine Kleidung sah, ging sie, nein, schritt sie an ihm vorbei und trat zu ihrem Pony. Ihre Jeans und ihre Turnschuhe hatte sie zu einem Bündel zusammengerollt und unter dem Arm getragen. Umständlich band sie die Kleidung hinter den Sattelholm und stieg dann, ohne das Pony zu streicheln oder es zu begrüßen, was ihn wirklich verwunderte, in den Sattel.

»Bereit für den Aufbruch?«, fragte er beiläufig und stieg ebenfalls auf.

Sie nickte kaum merklich, vermied aber jeden Blickkontakt. Targon zuckte mit den Schultern und trieb den Apfelschimmel an ihr vorbei.

In einem flotten Trab verließen sie das Lager. Die kurzen Beine des Ponys trommelten eilig über den Boden, um mit dem großen Pferd mithalten zu können. Targon grinste, verkniff es sich aber, sich nach Hannah umzudrehen. Der Ritt würde für Hannah nicht sehr angenehm werden. Ihr würden die Knochen und der Hintern wehtun, wenn sie in Kylnavern erst ankamen. Wenn er erwartet hatte, dass sie sich darüber beschweren würde, hatte er sich getäuscht. Eisern schweigend ritt sie hinter ihm her. Erst als die Sonne aufging und sie ein gutes Stück hinter sich gelassen hatten, ließ er sein Pferd in Schritt fallen. Der Apfelschimmel streckte augenblicklich den Hals, als er die Zügel fahren ließ und trottete mit hängendem Kopf weiter. Das Pony trabte noch ein Stück weiter, überholte ihn und fiel dann ebenfalls in einem langsamen Schritt. Vor ihnen befand sich ein kleines Waldstück, dahinter lagen einige Felder. Dort wollte er die Gelegenheit für einen langen Galopp nutzen. Das Wetter war freundlich zu ihnen. Der Himmel war bewölkt und ließ die Sonne nur sparsam hindurch, so dass es angenehm kühl blieb.

Mit einem Druck seiner Schenkel fiel der Schimmel in einen kurzen Trab, bis er das Pony eingeholt hatte und dort wieder den Kopf hängen ließ, als würde er jeden Augenblick einschlafen. Hannah warf ihm einen kurzen Blick zu und sah dann wieder nah vorn. Ihre Haltung war nicht mehr ganz so abweisend, was wohl den stetigen und zermürbenden Schlägen durch den langen Trab zu verdanken war. Ihr Pferdeschwanz hatte sich gelockert und hing jetzt kraftlos über ihre Schultern herab. Nachdenklich warf sie ihm einen neuerlichen Blick zu, mit dem sie ihn lange taxierte, als sähe sie ihn zum ersten Mal.

»Ein Prinz, also?«, fragte sie schließlich. Die Frage musste sie bereits eine Weile beschäftigt haben. Es erstaunte ihn, dass sie so lange damit gewartet hatte.

»Ein Prinz, ja.«

»Dann wirst du also eines Tages König von dem hier?« Hannah machte eine weitausholende Bewegung, die das Land um sie herum einschloss.

»Nein.« Targon schüttelte der Kopf und genoss ihre Überraschung. »Mein Bruder, du hast ihn ja schon kennen gelernt, ist bereits der König von dem hier.« Jetzt grinste er breit und vergnügt, als er ihre weit aufgerissenen Augen sah. Doch sie hatte sich erstaunlich schnell wieder im Griff und tat unbeteiligt.

Damit war ihr Gespräch fürs Erste erschöpft und sie ritten schweigend nebeneinander durch den Wald, der aus hochgewachsenen Kiefern bestand. Ihre Haltung war nun weich. Nachgiebig folgte ihr Körper den Bewegungen des Ponys, als hätte er sich automatisch der Umgebung angepasst. Der Waldboden war mit Blaubeersträuchern überwuchert und fraß die Hufschläge, bis sie freies Gelände erreichten.

Targon zügelte sein Pferd, das Pony blieb augenblicklich stehen, und deutete mit der ausgestreckten Hand auf eine Hügelgruppe im Nordwesten.

»Wenn wir diese Hügelgruppe heute Mittag erreicht haben, wirst du von dort unser Ziel sehen können. Es ist dann nicht mehr weit.«

Hannah sah kurz in die angegebene Richtung, dann ließ sie ihren Blick über das vor ihnen liegende Gelände schweifen. Etwa einen Kilometer westlich von ihrem Standpunkt aus lag ein Dorf. Schmale Rauchsäulen stiegen wie Schlangen von dort auf und griffen nach dem Himmel. Auf den Weiden davor standen einige Kühe und fette Schweine suhlten sich in dem schlammigen Ufer eines Weihers, auf dem Enten schwammen. Alles in allem ein friedliches Bild. Doch Hannah wurde schlagartig leichenblass. Ihre Lippen biss sie fest aufeinander, trotzdem konnte er deutlich das Zittern darin sehen. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass dieser Anblick für sie ein Schock sein musste. Die Häuser waren schlicht und aus Lehm gebaut; die Dächer mit Reet gedeckt. An den Weiden zogen sich Zäune entlang, die aus aneinandergereihtem Reisig bestanden. Drei Bauern standen auf einer Wiese und schnitten mit Sensen das Gras. Und um das verstörende Bild für sie perfekt zu machen, gab es keine Traktoren oder andere moderne Geräte weit und breit.

»Wo bin ich hier, um Himmels Willen?«

Die Panik lag greifbar direkt unter der Oberfläche. Ihre Stimme zitterte unmerklich. Der Schrei darin, verklang lautlos und dennoch gellte er in seinen Ohren.

»Das wirst du auf Kylnavern erfahren, Hannah«, sagte er und war selbst erstaunt, wie sanft er klang. Sie tat ihm leid, wie sie so neben ihm auf dem Pony saß, sich mit den Händen in die struppige Mähne des Ponys krallte, als würde das helfen. Langsam nickte sie, ihre Augen immer noch weit und groß aufgerissen, als sie ihren Blick auf ihn richtete.

»Werde ich dort auf Marina treffen?«

»So ist der Plan«, entgegnete er ruhig und nahm nach einem prüfenden Blick zum immer dunkler werdenden Himmel die Zügel wieder auf, was der Apfelschimmel mit einem unwilligen Schnauben quittierte. Es wurde Zeit, das Ziel zu erreichen und sich von Hannah zu trennen, bevor er seine Gefühle nicht mehr von seiner Aufgabe trennen konnte.

»Der Plan?«, fragte sie vorsichtig. »Das heißt für mich, dass du nicht sicher bist.«

In dieser Welt ist nichts sicher, wollte er antworten, verkniff es sich aber. Er könnte ihr sagen, wo sie sich befand und Romun damit vorgreifen, aber es würde sie hier und jetzt nur noch mehr verwirren und ängstigen und ihr Vorwärtskommen behindern. Also schwieg er und zog sich zurück in die rettende Distanz.

»Es wird bald Regen geben. Wir sollten nicht zu viel Zeit verlieren. Wir galoppieren zu den Hügeln und werden heute Nachmittag zu Hause sein.« Damit trieb er den Apfelschimmel auf die weite Grasfläche vor sich.

Hannah folgte. Mit einem lauten Schrei, in dem ihre ganze Angst lag, trieb sie das Pony in Galopp, das mit kräftigen und erstaunlich weiten Sprüngen an ihm vorbeischoss. Hannah hing in den Steigbügeln stehend tief über dem Hals, während sie beständig das stämmige Tier mit Rufen anfeuerte, als zöge sie in einen Kampf.

Das Bild prägte sich ein und fügte sich zu all den anderen, die er inzwischen von ihr gesammelt hatte. Der Apfelschimmel stieß ein sehnsüchtiges Wiehern aus und kaute unruhig auf der Trense herum. Er wollte seinen kleinen Kameraden nicht das Feld überlassen und alleine zurückbleiben. Targon gab ihm die Zügel frei und stieß ihm die Fersen in die Flanken. Wie ein Pfeil sprang das Tier nach vorn und streckte sich in gewaltigen Galoppsprüngen, um Hannah und dem Pony endlich zu folgen.

 

*

 

Sie waren lange galoppiert, Hannah immer vorneweg, ohne dass Targon sich die Mühe gab, sie zu überholen. Damit ersparte er ihr, sich ihrer Tränen zu schämen, die in langen Strömen über ihr Gesicht liefen und binnen weniger Augenblicke vom Wind getrocknet wurden. Dafür war sie ihm beinahe dankbar und gleichzeitig verfluchte sie ihn. Die einzige Hoffnung, die sie noch besaß, war, dass sie Marina wieder treffen würde. Hoffentlich!

Kurz bevor sie die Hügel erreichten, die sanft über der Landschaft aufragten und mit satten, von groben Felsen durchsetzten, Wiesen bewachsen waren, holte Targon doch auf und griff sanft in ihre Zügel, um das Pony wieder in Schritt fallen zu lassen.

Er schenkte ihr einen vorsichtigen Blick. Dafür hasste sie ihn noch mehr. Das Ganze hier war schlimm genug, aber was sie am wenigsten gebrauchen konnte, war Mitleid von dem Mann, der an allem Schuld hatte.

»Wir sollten den Tieren eine Verschnaufpause gönnen und wieder langsamer reiten.  Zwischen die Hügel führt ein Weg, der uns auf die andere Seite bringt. Dahinter liegt Kylnavern.«

»Wie schön«, antwortete sie sarkastisch und fuhr sich mit dem Handrücken über das Gesicht, um mögliche Tränenspuren zu beseitigen. Auch wenn Targon bemerkte, dass sie geweint hatte, ließ er sich nichts anmerken.

»Die Burg wird dir gefallen.«

»Darauf würde ich nicht mein Leben verwetten, wenn ich du wäre.«

Targon reagierte nur mit einem Schulterzucken und übernahm die Führung. Ein Weg schlang sich in das Tal, folgte den weichen Rundungen der Hügelformationen und brachte sie schneller als sie erwartet hatte auf die andere Seite. Mit offenem Mund sah sie auf die Burg, die vielleicht noch einen Stundenritt vor ihnen lag. Niemals zuvor hatte sie eine derartige Burg gesehen, geschweige denn davon gehört. Sie war sich nicht einmal sicher, ob das, was da vor ihr lag, überhaupt noch der Bezeichnung Burg gerecht wurde. Sie wurde von einer langen Mauer umringt, welche von dicken und hohen Wachtürmen gekrönt wurde, die man weithin sehen konnte. Hinter der ersten Mauer befand sich eine weitere Mauer, die die erste um einige Meter überragte. Diese hatten ebenfalls einige Wachtürme zu bieten, welche genau die Lücken füllten, die die erste Mauer ihnen überließ. Was dahinter lag, war nicht zu erkennen. Rauchsäulen stieg aus dem Inneren auf, also mussten Häuser im Mauerring stehen. Am ihnen entferntesten Ende lag, noch halb verdeckt, die eigentliche Burg, die aber mit einigen kleineren und verspielt wirkenden Türmen dem ganzen einen märchenhaften Charme verlieh.

»Kylnavern«, sagte sie und ließ dabei den Namen auf der Zunge zergehen.

»Die wehrhafteste Burg, die es in dieser Gegend gibt. Zwei Verteidigungsringe liegen um die Vorstadt und die eigentliche Burg, die kaum zu überwinden sind.«

»Aber es fließt ein Fluss hindurch, wenn ich das richtig sehe.« Hannah zeigte triumphierend auf das blaue Band, dass sich aus einem Gitter hindurch wandte und sich weiter zwischen den Hügeln in der Landschaft verlor. Ein kleines Dorf lag direkt davor. Es wirkte ärmlich und schutzlos, angesichts der gewaltigen Mauern, in deren Schatten es lag. »Ist das kein Schwachpunkt?«

»Es gibt extra Wachen dort, um diesen Schwachpunkt unter Kontrolle zu halten. Was allerdings zurzeit nicht notwendig ist, da wir in Frieden mit unseren Nachbarn leben.«

»Bist du dir da so sicher?«, fragte sie tonlos. Hannah hatte sich die Umgebung weiter angesehen und war dabei auf einen großen, alleinstehenden Baum gestoßen. In den Zweigen hingen längliche Körper, die leicht hin und her pendelten. Stummes Grauen rieselte über ihre Haare und hinterließ eine Gänsehaut.

Targon gab einen überraschten Laut von sich und starrte ebenfalls auf den Baum. Für einen Moment schien er verwirrt zu sein. Was hatte das zu bedeuten, wenn er so eine Reaktion darauf zeigte?

»Das verstehe ich nicht«, antwortete er mit einem seltsamen Klang in der Stimme, mehr so, als sprach er mit sich selbst. »Ich kann mich nicht mehr erinnern, dass man in dieser Eiche jemals Menschen gehängt hat.«

Hannahs Kopf war wie leergefegt. Wie angewurzelt saß sie im Sattel und bemerkte entgeistert, wie Targon seinen Schimmel auf die Straße lenkte, die ganz offensichtlich direkt an diesem Baum vorbei führte.

»Nein!«, murmelte sie fest und zog die Zügel des Ponys immer näher an sich heran, das verärgert mit dem Kopf schlug, um sich frei zu machen und dem Schimmel zu folgen. »Nein!«, wiederholte sie stur und fuhr etwas lauter fort: »Ich kann da nicht vorbei, niemals, bitte. Verlang das nicht von mir.«

Targon  ritt zu ihr zurück. Seiner Miene war nicht zu entnehmen, was er dachte. Leicht beugte er sich vor und nahm ihr sanft die Zügel aus den Händen, die inzwischen total verkrampft waren.

»Wir müssen an der Eiche vorbei. Es tut mir leid. Aber die Wiese ist vom Regen der letzten Tage versumpft, und es ist für die Pferde zu beschwerlich, um dort hindurch zu reiten. Ich werde dich führen. Du kannst die Augen schließen, bis wir daran vorbei sind.«

Hannah schluckte und sah ihn an, sah in dieses eigentlich so wunderbare Gesicht. Ein merkwürdiges Gefühl von Vertrauen machte sich in ihr breit, das ihr ganz und gar nicht gefiel. Dennoch war sie ihm dankbar für dieses Angebot und nickte langsam.

»Gut. Halte dich an der Mähne fest. Ich werde dir sagen, wenn wir vorbei sind.«

Hannah schloss die Augen, griff fest die die Ponymähne und ließ sich widerspruchlos führen. Es war schwer, die Augen geschlossen zu halten, die trotz des Grauens, das sie dort erwartete, immer wieder zuckten, als wollten sie unbedingt alles sehen. Verbissen zwang sie die Augen zusammen und nagte auf ihrer Unterlippe herum. Ein süßlicher Geruch schwang durch die Luft und legte sich aufdringlich über Nase und Mund, der mit jedem Schritt stärker wurde, bis er so stark war, dass sie kaum noch atmen konnte. Verfaulte Gebeine, Tod, Angst und Fäkalien waren die Zutaten zu einem Cocktail, der einen großen Kreis um die Eiche schlug und alles Leben, was sich darin befand, mit seinem Schrecken vergiftete.

»Wir haben es gleich geschafft. Nur noch wenige Meter, dann sind wir vorbei.«

Hieß das etwa, dass sie sich jetzt direkt unter den Toten befanden? Ihre Nackenhaare richteten sich langsam auf. Die Äste stöhnten bedrohlich unter ihrer Last, begleitet von einem Rascheln, das sie alter Kleidung zuschrieb, obwohl es genauso gut auch die Blätter hätten sein können. Das Bild der schaukelnden Toten im Baum drängte sich auf. Der Würgreflex kam plötzlich und explodierte in ihrem Magen. Gerade noch rechtzeitig beugte Hannah sich zur Seite und übergab sich im hohen Bogen neben dem Pony, das davon vollkommen unbeeindruckt weiter trottete.

Nicht hinsehen, dachte sie. Bloß nicht die Augen aufmachen. Mit fest zusammen gekniffenen Lidern richtete sie sich auf, doch der nächste Krampf jagte bereits wieder ihren Hals hinauf, und sie erbrach sich ein weiteres Mal. Hustend hing sie über dem Hals des Ponys und rang nach Luft, was alles nur noch schlimmer machte, da sie neuen Leichengeruch dabei einatmete.

Eine Hand ergriff sie am Oberarm. Das Pony fiel in einen schnellen Trab, bei dem sie beinahe aus dem Sattel gestürzt wäre, hätte Targon sie nicht gestützt. Erst als der Geruch nur noch eine unangenehme Erinnerung in ihrer Nase war, hielten sie an.

»Geht es einigermaßen?«

Hannah öffnete erschöpft die brennenden Augen und begegnete Targons forschendem Blick. Er stieg aus dem Sattel, pflückte einige weiße Blumen vom Wegesrand und rieb sie in ein Tuch, dass er aus der Tasche gezogen hatte und noch mit Wasser beschüttete.

»Hier, wisch dir damit über das Gesicht. Die Kamille vertreibt den Geruch.«

Dankbar ergriff sie das feuchte Tuch und fuhr sich damit über das erhitzte Gesicht. Hannah fühlte sich gleich etwas besser.

»Es ist kein besonders guter Empfang, schätze ich.«

Sollte das eine Entschuldigung sein? Hannah ließ das Tuch sinken und sah ihn an. Er stand neben ihrem Pony und beobachtete sie. Sein Gesicht ausdruckslos, dennoch ging von seiner angespannten Körperhaltung ein Missfallen aus, das ganz klar nicht ihr galt. Targon schien nicht mit einer derartigen Situation an der Eiche gerechnet zu haben, und ganz offensichtlich fand es auch nicht seine Zustimmung.

»Was erwartet mich dort?«, fragte sie und deutete auf die Burg.  Vielleicht würde er jetzt etwas erzählen.

Zu ihrem Bedauern schüttelte er den Kopf, ging zu seinem Apfelschimmel zurück und schwang sich wieder in den Sattel. Dicke Regentropfen fielen jetzt vom Himmel, als wollten sie die beiden Reiter damit endlich zum Aufbruch drängen.

»Du wirst dort drüben alles erfahren, was du wissen willst und musst.« Damit presste er kurz die Lippen aufeinander, als musste er sich selbst daran hindern, weiter zu sprechen.

»Wieso tust du das?« Hannah rückte sich im Sattel zurecht. Ihr Magen rebellierte noch ein wenig, aber es bestand keine Gefahr mehr, dass sie sich noch einmal übergeben musste. Der leichte Duft des Tuchs überdeckte sowohl den bitteren Geschmack des Erbrochenen als auch den Gestank des Baumes.

»Wieso ich dich entführt habe und hierher bringe?«, entgegnete er und trieb den Apfelschimmel um sie herum.

Hannah blieb ruhig sitzen und verfolgte ihn lediglich mit den Augen. Inzwischen wurde der Regen immer stärker und lief über ihr Gesicht. Weder sie, noch Targon reagierten darauf. Die Abkühlung war angenehm, auch wenn sie beide innerhalb weniger Minuten bis auf die Haut durchnässt wurden. Das Kleid klebte an ihren Schenkeln. Targon erging es nicht besser. Auch seine Kleidung saß wie eine zweite Haut und seine Haare hingen in Strähnen herab, aus denen das Regenwasser lief und auf seine Schultern tropfte.

»Ja, genau das. Oder erfahre ich das auch erst auf der Burg?«

Targon blieb direkt vor ihr stehen und wischte sich den Regen aus dem Gesicht, bevor er zu einer Antwort ansetzte: »Die Frage ist leicht zu beantworten. Ich tue es, weil es mir mein König befohlen hat. Das ist die denkbar einfachste Erklärung und tatsächlich die einzig wahre, auch wenn es für jemanden aus deiner Welt nicht nachvollziehbar sein mag.«

Für jemanden aus deiner Welt! Deiner Welt! Da war es wieder.

Hannah setzte sich kerzengerade auf und blinzelte gegen den Regen an.

»Du redest ständig von deiner Welt und meiner Welt. Was heißt das, Targon? Du willst mir doch nicht erklären, dass ich mich in einer anderen Welt, als der meinen befinde, oder? – Das klingt verrückt und ist, nebenbei bemerkt, völlig unmöglich.«

»Du wirst dich noch wundern, was alles möglich ist«, antwortete er geheimnisvoll und wendete den Schimmel in Richtung Burg. »Aber ich kann mich nur wiederholen und sagen, dass du alles Weitere in der Burg erfährst.« Damit trieb er das Pferd ein Stück voraus und drehte sich dann im Sattel nach ihr um. Resignierend gab sie dem Pony die Zügel frei, das unweigerlich in seinen trommelnden Trab fiel. Inzwischen schmerzten ihre Beine und der Rücken, von ihrem Po ganz zu schweigen. Die Burg war nicht reizlos in Anbetracht der müden Knochen und dem Gedanken dort Marina zu sehen, doch der Rest schreckte sie.

Gemeinsam ritten sie bis vor die Tore der Burg, deren beeindruckenden Flügel auch von einem Drachen hätten stammen können, so groß waren sie. Noch während sich Hannah fragte, wie man diese überhaupt aufbekam, wurde ein kleineres Tor im Holz geöffnet, das sie vorher gar nicht bemerkt hatte. Zwei Wachen traten heraus, die das gleiche dunkelblau trugen, wie die Männer aus dem Zeltlager, auch wenn mit einem anderen Schnitt, und verbeugten sich demütig vor Targon.

»Seid willkommen auf Burg Kylnavern, Prinz Targon«, grüßten sie wie aus einem Mund und traten an die Seiten, um sie hindurch zu lassen.

Targon nickte knapp und ritt an ihnen vorbei. Hannah folgte ihm dichtauf. Sie passierten etwa zwanzig Meter, bis sie vor der zweiten Mauer standen, die ein ebenso großes Tor besaß, wie die erste. Doch das Tor stand bereits offen und die Wachen zu beiden Seiten nahmen lediglich Haltung an, als sie vorbeiritten. Hinter diesem Tor befand sich eine gerade Straße, die auf die andere Seite der Burg führte. Zu beiden Seiten standen kleine Häuser; gemauert aus festen Backsteinen, nicht so wie die Lehmhütten, die sie bei dem Dorf gesehen hatte. Die Dächer bestanden aus roten oder schwarz glänzenden Dachschindeln. Hier wohnte kein armes Gesinde! An einigen der Häuser hingen kleine kunstfertig bemalte Schilder. Hannah versuchte sich jede Einzelheit einzuprägen und merkte sich jeden Bäcker und Schlachter oder Tuchhändler und jede Abzweigung, an denen sie vorbeikamen. Nur wenige Leute begegneten ihnen, und die, die es taten, wichen erschrocken in die nächste Nische zurück, wenn sie einen Blick auf Targon warfen. Die mitleidigen Blicke, die sie streiften, entgingen ihr dabei auch nicht. Was mochte der Grund für dieses Verhalten sein? Targon ritt durch die Straße, als bemerkte er die Leute nicht. War es Arroganz? Oder hatte er einen anderen Grund dafür? Hannah seufzte leise. So viele Fragen, die sich in ihr auftürmten und noch keine einzige Antwort. Doch vielleicht änderte sich das ja, wenn sie erst auf Romun trafen.

Die Straße endete auf einem großen Platz, wahrscheinlich der Marktplatz, vermutete Hannah, der aber unbelebt und still war. Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich eine letzte Mauer, zu der man nur über eine Zugbrücke gelangte. Der Fluss, den sie bereits außerhalb der Burg gesehen hatte, trennte hier die Burg von dem Platz. Hannah schätzte die Höhe auf knapp drei Meter und damit um einiges niedriger als die beiden anderen Mauern. Dahinter befand sich die eigentliche Burg, die Hauptburg Kylnavern, die aus dieser Nähe recht verspielt wirkte. Zwei dicke runde Türme bildeten den mächtigen Rahmen für das Tor. Schießscharten waren darin angebracht, hinter denen sich Schützen gut verbergen konnten, aber selbst einen guten Standpunkt hatten, um mögliche Angreifer ins Visier zu nehmen. Der Stein war aus einem hellen Grau und die spitzen Dächer der Türme in einem dunklen Blau gedeckt. Es war genau der gleiche Farbton, aus dem auch die Uniformen gemacht waren.

Dumpf vibrierte das Holz der Zugbrücke von ihren Hufschlägen, als sie darüber ritten. Die Tore Kylnaverns standen auch hier offen und die obligatorischen Wachen standen an den Seiten und grüßten Targon respektvoll.

Kaum hatten sie dieses Tor passiert, standen sie auf einem kleinen Burghof, von dem eine breite Freitreppe zum Eingang der Burg hinaufführte. Targon saß augenblicklich ab und warf seine Zügel einem herbeieilenden Knecht zu. Hannah saß unschlüssig auf ihrem Pony und überlegte noch, ob sie auch absteigen sollte, als eine kleine Gefolgschaft aus der Burg kam und die Treppe hinunterschritt.

Targons Gesicht verzog sich flüchtig zu einer Grimasse. Hannah konnte es kaum glauben, dass er eine derartige Gefühlsregung zeigte.

»Willkommen zu Hause, mein Prinz.«

Mit schmalen Augen wandte sich Targon dem Sprecher zu, während er wieder die Zügel von Hannahs Pony ergriff und ihr mit der Hand deutete, dass sie absteigen sollte.

»Lord To’bal« Targon gab sich nicht die geringste Mühe, die Abneigung in seiner Stimmer zu verbergen. Selbst Hannah spürte die Spannungen zwischen den beiden Männern. »Ich nehme an, dass Ihr der Urheber des kleinen Beisammenseins unter der Eiche seid.«

Lord To’bal verschränkte lächelnd die Hände hinter seinem Rücken und deutete geschmeichelt ein leichtes Nicken an. Er war ein schlanker Mann mit breiten Schultern. An seinem Gürtel hing ein langes Schwert, mit dem er zweifellos auch umgehen konnte.  »Ihr erkennt immer noch Qualität, wenn sie Euch begegnet. Ich fühle mich durch Eure Beobachtungsgabe geschmeichelt, mein Prinz. Aber zu meinem Bedauern muss ich zugeben, dass die Idee nicht von mir, sondern von seiner königlichen Hoheit stammt.«

Um die dünnen Lippen spielte immer noch ein Lächeln, aber seine Augen blickten kalt. Hannah wusste instinktiv, dass Lord To’bal ein äußerst gefährlicher Mann war, vor dem sich auch Targon in acht nehmen sollte. Langsam stieg sie ab und hoffte inbrünstig, niemals mit diesem Mann alleine zu sein. Als konnte er ihre Gedanken lesen, richteten sich seine blassgrauen Augen auf Hannah. Neugier blitzte darin auf, während er sie auf unverschämte Art von Kopf bis Fuß musterte. Anscheinend gefiel ihm nicht, was er sah, denn er zog abschätzend eine Augenbraue hoch.

»Und Ihr seid also unser Gast.«

Hannah schluckte und spürte leise Wut in sich aufsteigen. Dieser kahlköpfige unverschämte Lord zeigte ganz offene seine Geringschätzung und wandte sich mit einem leisen Lachen an Targon: »Seid Ihr sicher, das richtige Mädchen mitgebracht zu haben? Ich habe sie mir ein wenig mehr … , naja, sagen wir beeindruckender vorgestellt.«

»Ich denke nicht, dass Ihr ernsthaft in der Lage seid, beeindruckende Menschen zu bemerken. Ihr habt zu wenig Erfahrung im Umgang mit solchen. – Wenn Ihr uns entschuldigen wollt.«

Targon ließ den Lord stehen und zog Hannah mit sich. Einige Schritte entfernt hatte der Rest der Gefolgschaft aufmerksam dem Wortwechsel gefolgt, die sich jetzt aber bemühte, möglichst unbeteiligt zu wirken. Eine dürre Frau stand zwischen drei jungen Mädchen, die Schürzen und Hauben trugen, und wirkte ähnlich feindselig wie Lord To’bal. Eine spitze Nase stach auffallend aus ihrem Gesicht und schien direkt auf Hannah zu deuten. Genau vor ihr blieb Targon zu ihrem Entsetzen stehen.

»Kümmert Euch um unseren Gast und meldet unsere Ankunft meinem Bruder.« Targon deutete eine Verbeugung in ihre Richtung an. »Hannah«, sagte er kurz und ging.

Nein! Am liebsten hätte sie nach ihm gegriffen. Das konnte unmöglich sein Ernst sein, sie hier einfach stehen zu lassen. Sprachlos sah sie ihm hinterher und fühlte sich mit einem Schlag verloren. So widersinnig, es auch klingen mochte, war er doch das Einzige, das ihr wenigstens ein bisschen Sicherheit gab. Targon hatte sie hierher gebracht, begleitet, mit seinem Leben beschützt, und jetzt ließ er sie hier alleine. Allein zwischen Fremden in einer fremden Welt, die ihr eine Angst einflößte, von der sie bisher keine Ahnung gehabt hatte, dass sie solche überhaupt empfinden konnte. Hannah schluckte und sah ihm nach, wie er mit seinem federnden Gang die Stufen hinaufschritt und durch den Eingang verschwand, ohne sich noch einmal nach ihr umzusehen. Er hatte seinen Auftrag erledigt.

Was hatte sie anderes erwartet? Und warum tat es weh, von ihm wie ein Paket abgeliefert zu werden?

»Folgt mir. Ich werde Euch ein Bad richten lassen und anständige Kleidung besorgen, bevor Ihr dem König gegenüber treten könnt.« Die Frau mit spitzem Gesicht und kalten Augen musterte sie ungeniert und mit offener Missbilligung. Sie trug ein schlichtes schwarzes Kleid, das schmal geschnitten bis auf den Boden fiel und ihre knochige Figur betonte. Ihre Haare waren streng zurückgenommen und wirkten schlicht farblos. »Benötigt Ihr eine besondere Einladung?«, fragte sie ungehalten, als Hannah nicht sofort reagierte. »Ich kann auch gerne die Wachen bemühen.«

»Das wird nicht nötig sein«, erwiderte sie hastig und zog automatisch den Kopf zwischen die Schultern und fühlte sich dabei wie ein verängstigtes Schulkind.  Eingeschüchtert folgte sie der Frau die Stufen hinauf.

 

*

 

Targon schloss erleichtert die Tür zu seinen Räumlichkeiten, froh endlich der Gegenwart Hannahs entkommen zu sein. Ihr Entsetzen bei der Eiche hatte ihn betroffen gemacht. Damit hatte er nicht gerechnet. Weder damit, dass dort Gehängte waren, noch, dass sie derartig aufgebracht reagierte. Aber sie kam aus einer Welt, in der Tote nicht zur Tagesordnung gehörten, und er musste zugeben, dass auch ihn der Anblick des Galgenbaums ein wenig aus der Fassung gebracht hatte. Zeit seines Lebens war niemand mehr dort gehängt worden. Maruk hatte ihm erzählt, dass dies nicht mehr geschehen war, seitdem sein Vater seine Mutter geheiratet hatte. Gedankenverloren schnallte er sein Schwert ab und legte es auf die Truhe neben der Tür.

Was war nur hier in seiner Abwesenheit geschehen? Er musste dringend mit seiner Mutter sprechen, noch bevor er vor Romun trat. Warum war sie nicht zur Begrüßung erschienen? Das war untypisch für sie und erfüllte ihn zugegebenermaßen mit Sorge.

Mit einem Ruck zog er sich das nasse Hemd über den Kopf. Sein Magen knurrte dabei laut und vernehmlich. Leises Klirren und Scheppern drangen durch das weit geöffnete Fenster zu ihm herein. Der große Saal lag unterhalb seiner Gemächer, in dem alles für das Mahl heute Abend vorbereitet wurde. Bis dahin waren es jedoch noch einige Stunden. Angesichts des übergroßen Loches in seinem Magen sollte er vielleicht auf dem Weg zu seiner Mutter bei der alten Matilda vorbeisehen, deren heiseres Schreien die Melodie des Tischdeckens begleitete wie ein liebgewonnener Gesang. Er konnte die Küchenvorsteherin förmlich vor sich sehen, wie ihr voluminöser Busen bei jedem der drakonisch gebrüllten Befehle erbebte.

Vor seinen Türen wurde es unruhig. Überrascht wandte er sich um, während Schritte von mehreren Männern davor hielten. Das leise Schaben von Metall erklang und hätte ihn warnen sollen. Stattdessen ging er nichts Böses ahnend auf die Tür zu, die plötzlich aufgestoßen wurde und krachend gegen die Wände zu beiden Seiten flog. Alarmiert wich er zurück, die rechte Hand fuhr an die Seite und griff ins Leere. Fluchend stand er da und sah den Männern entgegen, die mit gezogenen Schwertern hineindrängten. Vorneweg schritt Lord To‘bal, der ihn kühl musterte und breitbeinig vor ihm stehenblieb.

»Könnt Ihr mir einen Grund für Euer Auftreten nennen, To‘bal?«, fragte Targon scharf und verschränkte die Arme vor der breiten Brust. Er verzichtete absichtlich auf die standesgemäße Anrede, was To’bal jedoch nur ein leichtes Lächeln entlockte.

»Auf Befehl seiner königlichen Hoheit werdet Ihr unter Arrest gestellt, Prinz Targon.« To’bal betonte jedes Wort mit Genuss, während er Targon arrogant von oben bis unten musterte.

»Was wird mir vorgeworfen?«, fragte Targon beiläufig, darum bemüht, sich nicht seine Bestürzung anmerken zu lassen. Welchen Grund konnte sein Bruder dafür haben, ihn in Gewahrsam nehmen zu lassen? Hatte er doch auf der Reise seinen Zwiespalt bemerkt, oder war es eher so, wie er bereits vermutet hatte, und er war nur eine Figur im kommenden Spiel? Ein schneller Blick aus dem Fenster zerschlug jeden Fluchtgedanken in diese Richtung.

»Erspart uns einen Fluchtversuch, Prinz. Wir haben jede Möglichkeit in Betracht gezogen. Wie Ihr sehen könnt, warten bereits fünfzehn Wachen im Hof. In meiner Begleitung befinden sich gleichfalls zehn Männer. Jeder Widerstand erscheint mir angesichts dessen als unsinnig. Wenn Ihr uns also bitte folgen wollt? Erklärungen der Situation stehen mir leider nicht zu. Der König höchstselbst wird Euch über die ++Gründe unterrichten.«

Targon schnaubte verärgert auf. Für einen flüchtigen Moment blitzte der Gedanke auf, To‘bal zu packen und als Geisel zu nehmen, da der Mistkerl unvorsichtig nahe an ihn herangetreten war. Doch er zweifelte nicht daran, dass sein Bruder auch für diesen Fall vorgesorgt und seine Befehle erteilt hatte. Aus eigener Erfahrung wusste er nur zu gut, wie entbehrlich die Menschen um ihn herum für seinen Bruder waren. Loyalität gehörte nicht zu seinen Tugenden. Zudem war To’bal als Kämpfer nicht zu unterschätzen und wartete möglicherweise nur auf einen Grund, ihn noch hier zu töten. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. An Gegenwehr war nicht zu denken. Mit einem tiefen Atemzug ließ er seine Arme sinken. Zwei Wachen traten vor, banden ihm die Hände auf den Rücken, bevor sie ihn durch die langen Gänge der Burg und tief hinab in die Kellerverliese zerrten.

This site was designed with the
.com
website builder. Create your website today.
Start Now